1. NRW
  2. Städte
  3. Grevenbroich

Prior des Zisterzienserklosters in Grevenbroich-Langwaden: Spiritueller Zwischenruf in der Coronakrise

Gastbeitrag von Bruno Robeck, Ordenspriester und Prior des Zisterzienserklosters Langwaden : Wohin soll ich mich wenden?

Die Gottesdienste fallen aus. Menschen können sich trotzdem noch an Gott wenden, müssen nur neue Wege finden.

Es ist gut, die Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus ernst zu nehmen und die sehr drastischen Schutzmaßnahmen zu akzeptieren. Es fällt vielen Menschen sehr schwer, sich darauf einzulassen, weil sie es nicht gewohnt sind, dass eine Gesellschaft oder ein Staat auseinander brechen kann – schon gar nicht durch einen für Menschen nicht sichtbaren Krankheitserreger, dessen Verbreitung immer unüberschaubarer wird. Vorsicht ist aber gut. Vorsichtig zu sein, ist kein Hinweis auf Glaubensmangel, sondern vielmehr ein Beweis für Weisheit. Der heilige Thomas von Aquin lehrte schon im 13. Jahrhundert: „Die Gnade setzt die Natur voraus“. Wir müssen Sorge tragen für unseren Leib. Er bildet die menschliche Basis für das Wirken der göttlichen Gnade.

Vor diesem Hintergrund hat auch die Kirche einschneidende Anordnungen erlassen. In allen Kirchen und Kapellen auf dem Gebiet des Erzbistums Köln sind alle öffentlichen Gottesdienstfeiern bis mindestens 10.April untersagt. „Not lehrt beten.“ Aber wohin sollen die Menschen in ihrer Not gehen? Eine kleine Möglichkeit lässt die Anordnung von Köln offen: Für Einzelpersonen sollen die Gotteshäuser für das persönliche Gebet geöffnet sein – nur Gruppen ist das Betreten untersagt. Unsere Klosterkapelle ist auch geöffnet. Denn ich bin überzeugt, dass Menschen immer Orte brauchen, die für sie eine spirituelle oder religiöse Bedeutung haben. Und auch wir Mönche stehen als Ansprechpartner zur Verfügung, wenn jemand gerade in diesen Wochen unseren Rat und unsere Hilfe braucht. Auf der anderen Seite ist es vielleicht ausreichend, darum zu wissen, wo man hingehen könnte. Allein das Wissen darum beruhigt, wenn auch die momentane Situation nahe legt, möglichst wenig Außenkontakt zu haben, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Die Kirche ist offen. In Wirklichkeit: ja. Aber mehr noch als Symbol: Gott ist immer da. Du kannst immer und überall zu ihm beten und seine Nähe erfahren. Sie ist sein freies Geschenk und von den Menschen unabhängig. Und doch ist es auch ein großes Geschenk, in Gemeinschaft beten zu können. Im Gottesdienst strahlt durch manche Menschen etwas Besonderes aus. Gerade vor diesem Hintergrund schmerzte mich die Anordnung aus Köln sehr. Ich hatte das Gefühl, Gottes Wirken zu behindern. Und manche Gläubige werden dies wahrscheinlich auch so erfahren haben. Aber Gott lässt sich nicht behindern. Er kann und wird auf andere Weise wirken. Vielleicht verlangt er gerade diesen Verzicht auf die schon allzu selbstverständliche Messfeier von uns, um uns zu zeigen, dass alles von ihm abhängt und nicht von uns. Der Verzicht auf den Gottesdienst kann also einen neuen Blick auf Gott schaffen. Wir, die wir normalerweise Gottesdienste leiten, müssen lernen, dass Gott auch ohne uns in den Menschen wirken kann. Und die Menschen, die die gemeinsamen Gottesdienste vermissen, können neue Formen des Glaubens und des Betens kennen lernen. Wenn wir uns auf diese Entwicklung einlassen, wird uns der Verzicht einen neuen Erfahrungsreichtum erschließen können.

(NGZ)