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Pilotprojekt in Grevenbroich: Mehr Vorfreude als Skepsis bei All-Internet

Pilotversuch in Grevenbroich Gruissem : Mehr Vorfreude als Skepsis für schnelles Internet aus dem Weltall

Bislang ist Gruissem ein weißer Fleck, sobald es um schnelles Internet geht. Das soll sich jetzt ändern. Zwei Tage lang informierten sich die Anwohner über das Internet, das aus dem Weltall kommt.

Nach zwei Tagen und 33 intensiven Gesprächen mit den Anwohnern ist aus Sicht des Projektmanagers Thomas Fuchs eines völlig klar: Gruissem ist bereit für das schnelle Netz aus dem Weltall. Bislang fließt im geteilten Dorf – eine Hälfte gehört zu Neuss, die andere zu Grevenbroich – der Datenstrom bestenfalls tröpfchenweise auf dem Internet. „Gegenüber den zwei bis vier MegaBit, die derzeit dort möglich sind, wirken die 100 MegaBit, die wir anbieten wie ein Sprung in eine völlig andere Welt“, sagt Fuchs.

Deshalb dauerte es nach dem ersten Bericht unserer Redaktion nur wenige Minuten, bis die Mindestzahl von zehn Anmeldungen für den Pilotversuch des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), von Airbus und dem französischen Satellitenbetreiber Eutelsat zusammenkam. In der 110-Seelen-Gemeinde machen beim Feldversuch „Dorf.digital“ nach Angaben von Fuchs nur ein, zwei Haushalte nicht mit. Die anderen fiebern auf die galaktische Verbindung zum Satelliten Eutelsat Konnect.

Bevor die Träume von der schnellen Datenverbindung jedoch abheben können, hatten die Bürger jede Menge Fragen an das Projektteam. Natürlich drehte es sich bei vielen um die Kosten für die enorme Beschleunigung der Internetverbindung. Da konnte Fuchs eine seiner größten Trumpfkarten ausspielen: „In den ersten zwölf Monaten kostet es die Teilnehmenden nichts.“ Im Einzelfall können sich die Gruissemer für einen neuen Router entscheiden, der das all-gegenwärtige Netz noch einfacher auf den heimischen PC oder den Flachbildschirm bringt. Kostenpunkt nach Angaben der Anbieter: einmalig 29 Euro.

Ist die Pilotanlage, die auf einen Fingerzeig des Rhein-Kreises in Gruissem aufgestellt wird, denn in irgendeiner Weise gesundheitsschädlich? „Tatsächlich hat diese Frage ein Haushalt von den 33 gestellt, mit denen wir gesprochen haben“, sagt Fuchs. Die Antwort der Industrievertreter lautet: „Ganz klar nein“. Aus einer Höhe von 36.000 Kilometern funkt Eutelsat Konnect seine Signale zur Erde. In Gruissem werden sie durch sechs bis acht Satellitenschüsseln aufgefangen, die auf einem gekürzten Container montiert und, so Fuchs, „extrem fein ausgerichtet sind.“ Im Inneren werden die Signale gebündelt und als Bodensignal über eine 13,6 Meter hohe Spezialantenne im Ort verteilt. „Wir haben Gruissem gewissermaßen in drei große Kuchenstücke aufgeteilt“, erfuhren die Anwohner von Fuchs in den vergangenen Tagen. In jeder der drei Zonen werde ein kabelloses Netz, ein WLAN, aufgebaut.

Überrascht drehten die meisten Gäste das kleine weiße Kästchen in den Händen, das den Datenstrom je nach Lage des Wohnhauses, entweder hinter einem Fester stehend oder an der Regenrinne angebunden, empfangen werden. „Müssen wir unseren bestehenden Router in den Ruhestand schicken?“ sei eine der häufigsten Fragen der Pilotversuch-Teilnehmer gewesen. Auch das ist nicht notwendig, sofern man das Netzkabel aus der Eutelsat-Antenne einfach in den Router hineinstecken möchte. Damit aber geht die Internetverbindung zum bisherigen Anbieter Telekom, Vodafone oder 1&1 oder andere verloren.

Und dann? „Kann voraussichtlich ab Dezember ein schneller Download von bis zu 100 MBit genossen werden“, warb Fuchs für das Projekt. Müssen wir uns diese Bandbreite miteinander teilen? „Nein. In Gruissem werden jedem Haushalt die vollen 100 MBit zur Verfügung stehen“, versichert Fuchs. Und gesteht, dass die Sache nicht völlig frei von Einschränkungen ist. „Wir haben die Anwohner gebeten, Videostreams nicht in 4K-Auflösung anzuschauen“, sagt Fuchs. Das ergäbe zwar ein besonders scharfes Fernsehbild. Doch es würde ein Vielfaches der Datenmenge eines „normal-scharfen“ TV-Bildes benötigen. Also: TV in normaler Auflösung von den Streamingportalen abzurufen – das müsse genügen.

Was wird, wenn das eine Jahr des Pilotversuchs abgelaufen ist? Dann sollen allen Teilnehmern in Gruissem Satellitenverbindungen angeboten werden, die mit denen eines DSL-Anschlusses in einer Großstadt vergleichbar sind. Noch stehen die meisten Preise dafür nicht fest. Ein Verbindung von bis zu 30 MBit soll aber für unter 30 Euro monatlich zu bekommen sein.

„Wir schaffen mit diesem Versuch die Grundlage dafür, dass bis zu 500.000 Haushalte in Deutschland schnelles Netz bekommen“, sagt Fuchs. So viele Menschen leben an Orten, in denen noch lange Zeit kein Glasfaserkabel verlegt werden wird.