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Pater Bruno aus Grevenbroich: Mein Leben zwischen Impf- und Gebetbuch

Spiritueller Zwischenruf : Mein Leben zwischen Gebet- und Impfbuch

Erstaunlich, welche Erinnerungen ein altes Impfbuch wecken kann. Das kleine Heftchen begleitet ihn – wie das Gebetbuch – schon durch das ganze Leben, schildert Bruno Robeck, Prior der Langwadener Zisterzienser, in seinem letzten „Spirituellen Zwischenruf“.

Es gibt so einige Bücher und Dokumente, die in den Regalen verstauben und in den Aktenordnern schlummern. Plötzlich können sie für das Leben wieder eine große Bedeutung bekommen. So ging es mir mit meinem Impfbuch. Dank meiner relativ ausgeprägten Ordnungsliebe und der gelben witterungsbeständigen Signalfarbe war das Impfbuch leicht auffindbar.

Ich war nicht schlecht erstaunt, als ich den ersten Eintrag nur wenige Tage nach meiner Geburt entdeckte. Damals galt noch das alte, sehr martialisch klingende Bundes-Seuchengesetz von 1962. Beim Durchblättern des Impfbuches wurde mir plötzlich bewusst, wie viel wir den Menschen verdanken, die in der medizinischen Forschung und im Gesundheitswesen tätig sind. Mir fiel wieder meine schwere Blinddarmerkrankung als Kind ein, an der ich in früheren Zeiten gestorben wäre. Die Narbe des damals noch langen üblichen Schnitts erinnert bis heute an die Operation.

In einer gänzlich anderen Situation wäre ohne menschliche Hilfe auch das Schlimmste zu befürchten gewesen. Im Sommerurlaub fuhren meine Eltern und ich in einem kleinen Schlauchboot auf das offene Meer. Erst zu spät bemerkten wir die weite Entfernung vom Ufer und die zunehmend unruhiger werdende See. Ein kleines Fischereiboot, das glücklicherweise vorbeifuhr, nahm uns in Schlepptau. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn wir immer weiter auf das offene Meer abgetrieben worden wären. Ich habe noch oft an die Fischer gedacht mit ihren vom Wetter vergerbten Gesichtern, die uns lachend halfen, aber gleichzeitig sehr ernst anblickten.

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Wir sind oft auf die Hilfe von anderen angewiesen und immer wieder gibt es Situationen, in denen wir selbst zu Helfern werden können und müssen. Neben dem Impfbuch begleitet mich das Gebetbuch durch das Leben. Oder genauer gesagt: die Gebete. Nicht nur das Beten in der Kirche, sondern auch die Gebete mit meiner Mutter und meinen Großeltern.

Natürlich haben sich im Laufe der Jahrzehnte meine Gebetsworte verändert. Ihr Inhalt ist jedoch gleich geblieben. Mit einem Grundvertrauen strecke ich mich nach Gott aus in Bitten, Zweifeln, Staunen und Dank. Ein uraltes Buch aus der Bibel verstaubt bei mir nicht: die Psalmengebete – im Gegenteil: sie werden mir immer teurer.

Liebe Leserin, lieber Leser, vielleicht haben Sie auch Ihr Impfbuch gesucht und noch andere Bücher gefunden, die für Sie von Bedeutung sind. Vielleicht ist Ihnen auch ein altes Gebetbuch in die Hände gefallen. Es lohnt sich, darin zu blättern. Es kann an schöne Erlebnisse erinnern oder auch deutlich machen, dass man heute andere Wege suchen muss. Nur eines wird es nicht tun: schweigen. Die Gebetbücher verändern sich – und die Impfbücher füllen sich. Beide zeugen vom Beziehungsgeflecht, in dem wir leben, und von der Sorge, die wir füereinander haben.

15 Monate habe ich Sie, liebe Leserin, lieber Leser, durch diese Pandemiezeit begleitet. Nun ist es an der Zeit, „Adieu – Gott befohlen“ zu sagen. Das Begleitbuch ist mit 65 Kolumen reichlich gefüllt, aber unser persönliches Lebensbuch will fortgeschrieben werden – fortgeschrieben, bis Gott selbst uns den Stift aus der Hand nimmt, aller Sorge enthebt und in sein Reich ruft.