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Neues Buch zur "Kohle"-Geschichte in Grevenbroich-Nerurath

Strukturwandel in Neurath : Aus „Bauern-Dorf“ wurde Industrie-Standort

Heimatforscher Peter Zenker hat ein Buch zur Neurather Geschichte herausgegeben – gespickt mit vielen persönlichen Erinnerungen.

Mit seinen vier Büchern hat Peter Zenker bereits einen wesentlichen Beitrag zur Dorfgeschichte abgeliefert. In seiner neuen Veröffentlichung, die den Titel „Erkundungen in Neurath“ trägt, werden nun Forschungslücken geschlossen. Große Teile des reich illustrierten Bandes widmet der 79-Jährige diesmal dem Strukturwandel . Zenker erzählt lebhaft, wie sich Neurath vom landwirtschaftlich geprägten Dorf zum Industriestandort entwickelte.

Strukturwandel anno dazumal: Gleich neben dem Neurather Tagebau pflügt ein Landwirt seinen Acker mit zwei Pferdestärken. Foto: Archiv Peter Zenker

Im 19. Jahrhundert war die „Ackerschaft“ noch die Haupterwerbsquelle der Neurather. Das änderte sich rasant, nachdem 1858 beim Bau eines Dorfbrunnens zufällig Braunkohle gefunden wurde. „Dieser Bodenschatz gab der Region in den folgenden Jahrzehnten ein völlig neues Gesicht“, berichtet Peter Zenker. 1907 wurde der Tagebau am Ortsrand aufgeschlossen, gleich nebenan entstanden zwei Fabriken, in denen die Kohle zu Briketts verarbeitet wurde. „Im Ortsverzeichnis aus dieser Zeit ist der meistgenannte Beruf auf einmal der des Bergmanns“, berichtet Zenker.

Vor 111 Jahren wurde der Tagebau am Ortsrand aufgeschlossen, gleich nebenan entstanden zwei Fabriken, in denen die Kohle zu Briketts verarbeitet wurden. Foto: Archiv Peter Zenker

Der Autor wirft in seinem Buch einen Blick auf die neu entstandenen Siedlungen, er schildert, wie die alten Bauernhöfe nach und nach aus dem Ortsbild verschwanden und wie die Stromproduktion die Landschaft nachhaltig prägte. Anschaulich berichtet Peter Zenker über das Dorf in der Nachkriegszeit, in dem er seinen Schulweg im Jahr 1949 skizziert, der ihn vom Barackenlager auf der Soodkippe über die Kölner-, Gürather, Kirch- und Frimmersdorfer Straße zur katholischen Volksschule führte. Und er erinnert sich an ein besonderes Erlebnis im Neurather Milchgeschäft, dort sah er zum ersten Mal nach der Währungsreform das neue Geld, die Deutsche Mark.

Für sein Buch hat der 79-Jährige außerdem ein Experiment gestartet. In einem Versuch, den er gemeinsam mit dem Ehren-Schützenpräsidenten Hubert Stein und dessen Sohn Ralph unternommen hat, erbringt Zenker den Nachweis, dass sich das Neurather Platt in den vergangenen 140 Jahren nur in wenigen Punkten geändert hat. Eine zur Jahreszeit passende Kostprobe: „Dä Schnei eß diss Nääht bey onges legge blevve, ävver höck Morjen eß hä geschmoolzen.“

„Nach der Fertigstellung des Buches wurde mir auf einmal bewusst, welche riesigen Veränderungen es in den vergangenen Jahrzehnten gegeben hat“, sagt Zenker. Den Tagebau mit den beiden Brikettfabriken gibt es nicht mehr, dafür sind zwei große Kraftwerke entstanden. Die ehemals von der Braunkohle genutzten Flächen wurden für die Landwirtschaft und Gewerbebetriebe, für den Naturschutz, für Freizeit und Erholung rekultiviert.

„Früher“, so erinnert sich Peter Zenker, „gab es im Dorf noch alles für das Leben – den Bäcker, den Metzger, die Post, die Drogerie, den Gemüseladen, den Konsum, den Klempner oder Maurer. Diese damit verbundenen Nahversorgungs-Funktionen sind heute in Neurath verschwunden.“ Er habe auch den Eindruck, dass der alte Ortskern immer menschenleerer wird – „hier wurde nicht viel Neues errichtet“. Für das Weiterbestehen eines lebendigen Ortes, da ist sich der 79-Jährige sicher, müssten „erhebliche infrastrukturelle Veränderungen erfolgen“. Dies sei eine wesentliche Voraussetzung für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Weiterentwicklung.