Nachfahren von Holocaust-Opfern: Marion und Tony Lee Bruce in Grevenbroich

Marion und Tony Lee Bruce besuchen Grevenbroich : Auf Spurensuche in der Heimat der Vorfahren

Die Nachkommen der Familie Katz aus Grevenbroich waren auf Spurensuche in der Heimat ihrer Vorfahren. Das Besondere: Die beiden Briten werden in Zukunft wieder deutsche Staatsbürger sein.

 Das jüdische Ehepaar Alexander und Elfriede Katz aus Grevenbroich wurde 1944 von den Nationalsozialisten nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ihre Kinder, Walter und Lieselotte, waren kurz vorher nach Südafrika und Palästina emigriert. Die Tochter von Lieselotte Katz, Marion Bruce (70), wuchs mit ihrer Schwester in Großbritannien auf, heiratete und bekam selbst zwei Kinder. Nun besuchte die Britin mit ihrem Sohn Tony Lee (40) Grevenbroich, um sich auf Spurensuche in der Stadt ihrer Vorfahren zu begeben. Außerdem ist die Britin seit dem 23 Juli deutsche Staatsbürgerin. Auch Tony Lee Bruce hat den deutschen Pass beantragt.

„Die Familie Katz war beliebt in Grevenbroich“, weiß Ulrich Herlitz, Vorsitzender des Geschichtsvereins. Als die Angriffe auf Juden zunahmen, emigrierten die Kinder nach Palästina und Südafrika. Alexander blieb mit Frau Elfriede zunächst in Deutschland, sie flohen nach der Pogromnacht über Belgien nach Frankreich. 1944 wurden sie von dort ins KZ Auschwitz deportiert und ermordet. Lieselotte Katz zog mit ihrem Mann Helmut und ihren Töchtern Joan und Marion 1962 nach England. Im Alter von sechs Jahren besuchte Marion Bruce Grevenbroich zum ersten Mal. „Mit der Stadt verbinde ich Kindheitserinnerungen und Freunde“, sagt sie.

Ulrich Herlitz (r.), zusammen mit Marion Bruce und ihrem Sohn Tony Lee  in Grevenbroich. Foto: Dieter Staniek

In den vergangenen Jahren sind die Antragstellungen der Nachkommen von Holocaust-Opfern auf die deutsche Staatsangehörigkeit deutlich gestiegen. Viele der Antragsteller kommen aus den USA und Großbritannien. Woher kommt der Wunsch der Holocaust-Überlebenden in zweiter und dritter Generation, deutsche Staatsbürger zu werden? Für die in London lebende Marion Bruce war es zunächst der Brexit, der sie veranlasste, sich mit einer doppelten Staatsbürgerschaft zu beschäftigen. Die Vorfahren von Marion Bruce waren Deutsche. „Nachdem ich mich im Zuge der Einbürgerung mehr mit Deutschland und meiner Familiengeschichte beschäftigt habe, wurde es eine sehr emotionale Sache für mich“, erzählt Bruce.

Nun kamen Mutter und Sohn für vier Tage nach Grevenbroich – für den Briten Tony Lee, der aktuell in New York lebt, war es das erste Mal. Gemeinsam besuchten sie verschiedene Stationen, etwa das ehemalige Wohnhaus der Familie, vor dem heute Stolpersteine des Künstler Gunter Demnig platziert sind, oder das Rathaus. „Wir sind froh, hier zu sein“, sagen die beiden. Ihr Besuch sei „ein Zeichen von Vertrauen in unsere Demokratie und Kultur, trotz der Vergangenheit“, sagt Ulrich Herlitz. „Und es ist auch für uns als Stadt ein Vertrauensbeweis.“

 Die doppelte Staatsangehörigkeit für Marion und Tony Lee Bruce steht den beiden als ein Grundrecht zu. Gemäß Artikel 116 Absatz 2 des Grundgesetzes sind die Nachkommen deutscher Staatsangehöriger, denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassistischen oder religiösen Gründen entzogen wurde, auf Antrag wieder einzubürgern. Diese Regelung ist ein Teil der Wiedergutmachung. Bei Marion und Tony Lee Bruce dauerte der gesamte Prozess von der Antragstellung bis zu Ausstellung des Passes gut zwei Jahre. Der Grund dafür sind viele Lücken in der deutschen Gesetzgebung. Die beiden haben es trotzdem geschafft, sich durch die Vielzahl von bürokratischen Hürden durchzukämpfen.

Die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien beunruhigen Marion und Tony Lee Bruce. „Unsere Familie lebt verteilt, überall auf der Welt“, sagt Marion Bruce. Aufgrund des Schicksals ihrer Vorfahren, erkennen die Bruces ganz besonders die Vorteile einer freiheitlichen Gesellschaft. Sie sehen sich selbst als Weltbürger, die gerade in Zeiten, in denen rechte Kräfte in vielen Ländern wieder stärker werden, eine Verantwortung haben. Auch aus diesem Grund hat die Familie sich entschlossen, in die Heimat ihrer Vorfahren zurückzukehren. Auch wenn ihr fester Wohnsitz in London und New York bleibt, werden die beiden in Zukunft mehr mit Deutschland verbunden sein. „Wir werden auf jeden Fall wiederkommen“, versichert Marion Bruce.

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