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Interview mit Schützenpräsident: Majestät zu sein ist ein Erlebnis

Interview mit Schützenpräsident : Majestät zu sein ist ein Erlebnis

Dr. Peter Cremerius, Präsident der 850 Schützen, spricht auf dem blauen NGZ-Sofa über die vielen Vorbereitungen zum Fest, die Grevenbroicher Königsknappheit und das Bewerbertrio für 2012.

Kurz vor dem Schützenfest nahm sich Schützen-Präsident Dr. Peter Cremerius die Zeit zum Talk auf dem blauen NGZ-Sofa mit NGZ-Redaktionsleiter Ludger Baten. Cremerius sprach über das Hochgefühl des Schützenkönigs, die gesellschaftliche Rolle der Schützenvereine und über die Rolle von Frauen im BSV.

Alles parat zum Schützenfest?

Peter Cremerius Ich bin in diesem Jahr etwas spät aus dem Urlaub zurückgekommen, der meist mit einer Gewichtszunahme einhergeht — aber ich denke, es ist alles bereit. Ich muss nur noch meine beiden Fahnen hissen.

Warum sollte man den Frühschoppen am Festmontag nicht verpassen?

Cremerius Der Montagsfrühschoppen ist der Treffpunkt der Grevenbroicher. Bei schönem Wetter kommen bis zu 4000 Menschen. Wenn man seinen Schulfreund, seine Ex-Liebe lange nicht gesehen hat - dort trifft man sie wieder. Dieser Tag ist das "Who is who" in Grevenbroich.

Worin sehen Sie noch die Bedeutung dieses Frühschoppens?

Cremerius Man muss auch den tieferen Gehalt sehen: Der Montagsfrühschoppen ist die größte, zumindest temporäre, Kneipe in Grevenbroich. Denn die Gastronomie stirbt: Man verbringt keine Zeit mehr in der Kneipe, das Freizeitverhalten hat sich geändert. Anfang des Jahrhunderts gab es noch 22 Kneipen in der Innenstadt. Was die besondere Atmosphäre im Zelt ausmacht: Man sieht sich mal wieder persönlich, statt nur über elektronische Medien zu kommunizieren.

Können Sie als Präsident eigentlich das Schützenfest genießen?

Cremerius Was häufig nicht zu sehen ist: Natürlich muss so ein Fest vorbereitet werden, auch wenn viel Routine dabei ist. Wir haben noch nie so viel vorbereiten müssen im n im organisatorischen und logistischem Bereich wie in diesem Jahr. Wegen der neuen Sicherheitsbestimmungen gibt es immer wieder kurzfristige Änderungen. Sie selbst sind ein spätberufener Schütze ... Cremerius Ich bin 1996 über meinen Freund Matthias Müsch in den Schützenzug gekommen. Das fand ich toll — und noch vor meinem ersten Schützenfest habe ich bereits auf den Königsvogel schießen können. Ein Grund war die Königsknappheit in dieser Stadt. Drei Wochen vor dem Vogelschuß fehlte damals ein Bewerber als Kronprinz. Als man mich fragte, fand ich das absurd, unvorstellbar, aber nicht uninteressant. Erst sagte ich zu meiner Frau "Alles Quatsch", doch noch aus meinem Menorca-Urlaub rief ich den damaligen Präsidenten Herbert Schikora an und sagte: "Ja, ich mache es."

Warum macht es Spaß, Schützenkönig in Grevenbroich zu sein?

Cremerius Weil es ein Amt, ein Ereignis ist — und das werden mir all meine Vorgänger bestätigen — das unmittelbar nach der Hochzeit kommt. Man hat eine gewisse Aufmerksamkeit, eine Stellung in der Öffentlichkeit, man wird von den benachbarten Vereinen eingeladen, man wird hofiert. Vom Erlebniswert kommt die Schützenkönigswürde in der Stadtmitte sicher direkt nach der in Neuss.

Gleichwohl müssen Sie immer kräftig nach Kandidaten suchen ....

Cremerius Ja, das ist das Verrückte. Es ist wie beim Fallschirmspringen: Es ist toll, mit dem Fallschirm abwärts zu schweben, aber den Sprung aus dem Flugzeug fürchtet man. Manche Menschen trauen sich das Königsamt nicht zu, finanzielle Gründe oder die Sorge vor zu vielen Terminen spielen eine Reihe.

Sie haben ja meist nur einen Kandidaten...

Cremerius Wenn meine Vorgänger Glück hatten, dann hatte sich schon mal jemand im Vorfeld gemeldet. Aber es gab auch haarige Zeiten, gerade in den 1950/60er Jahren. Oft hatte man damals beim Frühschoppen am Montag noch keinen König; dann musste schnell jemand gefunden werden. Oft wurden die Schützen so lange bequatscht, bis sie zugestimmt haben. Für die Frau hieß das dann: Am Dienstagmorgen schnell nach Düsseldorf fahren, um sich einzukleiden. Für die Zuschauer ist ein echter Wettbewerb beim Schießen natürlich spannend. Der Präsident sieht das weniger gerne, weil wir dann einen Verlierer haben. Und das tut schon weh. Oft verliert man diese Schützen später auch.

Und was kostet der Spaß?

Cremerius Wir wollen wieder dahin kommen, dass das Königsspiel eine Null(euro)nummer wird. Der BSV unterstützt den Kandidaten, jeder Zug hat zudem eine eigene Königskasse. Wir brauchen einen König, der mit Leib und Seele Schütze ist und gern hier repräsentiert.

Und nächstes Jahr?

Cremerius Man glaubt es kaum, aber im nächsten Jahr hat der Bürgerschützenverein gleich drei Anwärter für das Schießen. Wir versuchen natürlich, auf die drei einzuwirken. Aber wer schießen will, hat Gründe. Und wenn drei Kandidaten schießen wollen, dann müssen sie das tun — mit allen Nebenwirkungen.

Sehen Sie den BSV auch als bürgerlich-gesellschaftspolitische Kraft in Grevenbroich?

Cremerius Das ist unser hehres Ziel, das wir nicht nur vier Tage Schützenfest feiern, sondern unsere Leitidee "Für Bürgersinn und Heimattreue" auch während des Jahres umsetzen. Wir versuchen, uns für die Stadt und die Geschichte einzusetzen. Zurzeit schreiben Hans Wagner und Uli Herlitz ein Buch über die Geschichte der Grevenbroicher Straßen. Und wir versuchen, auch karitativ tätig zu sein. Traditionell gestalten wir den Martinszug und den Volkstrauertag mit.

Zum Schützenfest laden Sie bis heute, 36 Jahre nach der kommunalen Neugliederung, Abordnungen aller Vereine ein. Warum?

Cremerius Früher hatten die einzelnen Gemeinde oder Städte wenig miteinander zu tun. Als die Stadt sich vergrößerte hat der damalige Bürgermeister den BSV gebeten, andere Vereine einzuladen — jetzt gibt es zu allen Vereinen und Bruderschaften "diplomatische" Beziehungen. Ein Höhepunkt des Schützenfestes: Wenn alle 21 Majestäten unserem Schützenkönig am Dienstag die Ehre erweisen.

Nagt es an Ihrem Selbstbewusstsein, dass das Wevelinghovener Schützenregiment größer ist?

Cremerius Dass das Wevelinghovener Regiment zahlenmäßig größer ist, das muss ich zugeben. Wevelinghoven ist eine Wohnstadt. Verglichen damit die Stadtmitte mit nur 5000 Einwohnern, wobei die meisten Schützen des BSV nicht dort wohnen. Und wir sind stolz, trotzdem ein Regiment mit 850 aktiven Schützen zu haben - und genügend Nachwuchs.

Sollte man das Schützenfest als Marke vermarkten?

Cremerius Es gab bereits die Streitfrage ,Kann man Werbung im Zelt aufhängen?' Wir tun es nicht. Andere, kleinere Vereine müssen es tun. Es gab bei uns aber bereits Werbehinweise auf gesponserten Fackeln. Man muss offen sein für diese Dinge. Und auch die Stadt unterstützt uns, etwa durch Straßensperrungen oder Wimpelschmuck, denn wir sind Werbung für die Stadt.

Können sich neue Schützenzüge einfach anmelden?

Cremerius Ja, dabei sollten sie auch ihre Uniform vorstellen, denn es gibt bei uns eine Kleiderordnung. Zu vier Fünfteln gibt es Jäger, zudem einen kleineren Block Grenadiere, klassisch im Frack oder als Marinezug. Wir wollen das Bild nicht zu bunt werden lassen.

Husaren hätten bei Ihnen also keine Chance?

Cremerius Nein, nur als Gäste. Weil es auch nicht in unsere Tradition passt.

In Neuss ist das Regiment so groß, dass an verschiedenen Orten gefeiert werden muss.....

Cremerius Wir in Grevenbroich sind so groß, dass wir gerade noch in ein Zelt passen. Allerdings kann das Zelt wegen der räumlichen Gegebenheiten nicht erweitert werden. Wenn wir also weiter wachsen, brauchen wir demnächst vielleicht ein doppelstöckiges Zelt.

Wie viele Zuschauer kommen zum Fackelzug am Samstag?

Cremerius Die Zuschauermassen an den Straßen gehen in die Tausende — das ist die Belohnung für jeden Fackelbauer, für jeden Schützen.

Welcher Abend ist für Sie der schönste?

Cremerius Wenn am Dienstag die Krönung vorbei ist, gehen wir mit dem Zeltwirt in eine Nische und trinken die Kirmes ab. Ich wollte das meinem Vorgänger nie glauben, aber das sind die schönsten, entspannendsten Momente.

Was wäre, wenn sich ein Amazonenzug beim BSV anmelden wollte?

Cremerius Nun ja. Die Tradition eines Schützenvereins sagt, dass eigentlich nur Männer in einem Schützenzug mitgehen. Aber man weiß ja nie, was die Zukunft bringt.

Reizt Sie die Kommunalpolitik?

Cremerius Ich habe schon überlegt, Bürgermeister zu werden. Aber dazu fehlen mir die Nerven.

Daniela Buschkamp fasste das Gespräch zusammen.