Grevenbroich: Kritik am Leichen-Tourismus

Grevenbroich: Kritik am Leichen-Tourismus

Die Stadt Grevenbroich lässt mittellose Tote in Rheinland-Pfalz beerdigen – weil es billiger ist. Diese Praxis stößt auf heftige Kritik des Bundesverbandes der Bestatter. Ähnliche Reaktionen gab es am "Heißen Draht" der NGZ.

Seit 2007 lässt die Stadt Grevenbroich verarmte Menschen ohne Angehörige in Rheinland-Pfalz bestatten. Aus Kostengründen: Denn im Taunus ist der Gang zur letzten Ruhestätte im Vergleich zur Schlossstadt nur halb so teuer. Diese Praxis traf am Dienstag auf heftige Kritik des Bundesverbandes der Bestatter. Vorsitzender Rolf Lichtner warf der Stadt einen "unsensiblen, verantwortungslosen Umgang mit Verstorbenen" vor: "Hier wird über einen Menschen verfügt, der nach seinem Tod anscheinend nur noch als zu entsorgende Materie wahrgenommen und behandelt wird", sagte er.

Auch aus den Reihen der Politik kommt erste Kritik an diesem Verfahren: "Wer hat dieses Vorgehen entschieden, und warum weiß der Rat nichts davon?", fragt die UWG-Fraktionschefin Martina Flick in einem Brief an die Bürgermeisterin. Die Unabhängigen bewerten diese Praxis der Verwaltung als "höchst befremdend". Ähnlich sehen das die Leser, die sich am Dienstag am "Heißen Draht" der NGZ beteiligten. "Die Stadt sollte lieber an anderen Stellen sparen", erklärt Hans-Jürgen Burbach: "Es geht dabei ja auch um die Würde des Menschen. Er sollte das Gefühl haben, dass er dort bestattet wird, wo er auch gelebt hat." So denkt auch Heinz Coenen: "Die Kultur eines Volkes lässt sich am Umgang mit den Toten erkennen. Ich finde, dass die Stadt hier am unteren Ende angelangt ist."

Auch Ursula Wendel ist nicht einverstanden mit dem Leichen-Tourismus: "Das ist unmöglich." Der Rommerskirchener Bestatter Reiner Schotten stellt fest: "Im Vergleich zu anderen Kommunen liegt Grevenbroich bei den Kosten für die anonymen Bestattungen weit vorne. Damit wird vielen die Möglichkeit genommen, vor Ort beerdigt zu werden." Rechtsanwalt Michael Zimmermann wettert: "Die auswärtige Bestattung ist würdelos. Unser Grundgesetz schützt die Würde des Menschen. Diese endet nicht mit dem Tod, sondern wirkt darüber hinaus."

Soweit es keinen zahlungsfähigen Erben gebe, sei die Kommune verpflichtet, für eine Bestattung zu sorgen. "Diese Verpflichtung schließt es aus, einen Menschen nach dessen Tod aus der Stadt herauszukarren, um ihn nach ökonomischen Gesichtspunkten zu begraben", meint Zimmermann. Auch Helga Schröter lehnt die Praxis der Stadt ab: "Ich finde es fürchterlich, dass man mit alleinstehenden Menschen so umgeht." Schröter sieht aber nicht nur die Stadt, sondern auch die Kirche in der Pflicht: "Sie sollte sich um ein Begräbnis für verarmte Menschen ohne Angehörige kümmern."

Die Aufregung nicht nachvollziehen kann Ursula Wagner: "Warum sollten die Städte nicht dort beisetzen, wenn es in anderen Kommunen so viel günstiger ist? Alle Städte haben wenig Geld, da muss überall gespart werden, wo es möglich ist.

(NGZ)