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Kirche in Grevenbroich: Viele Mitglieder treten aus der Gemeinde aus

Gemeinden in Grevenbroich : Viele Mitglieder kehren der Kirche den Rücken

Die Gründe für den Austritt sind vielfältig. Die Kirchengemeinden wollen den Trend mit verschiedenen Maßnahmen stoppen.

Immer mehr Menschen in Grevenbroich treten aus der Kirche aus. Die Zahl der Kirchenaustritte sei im Jahr 2019 gegenüber dem Vorjahr um 50 Prozent gestiegen, berichtet Kreisdechant Guido Assmann. „Hochgerechnet auf Grevenbroich wird die Zahl bei rund 200 Menschen liegen“, sagt Assmann. „Der Trend ist seit vier Jahren steigend.“ Es seien meistens Menschen zwischen 25 und 40 Jahren, die sich für den Schritt entscheiden. Auffällig sei auch, dass die Zahl älterer Menschen gestiegen ist, die sich für einen Austritt entscheiden.

Die evangelische Kirche ist ebenfalls vom Mitgliederschwund betroffen – allerdings fällt dieser nicht ganz so drastisch aus. Die evangelische Gemeinde Grevenbroich hat im Jahr 2019 nach Angaben des übergeordneten Kirchenkreises Gladbach-Neuss rund zwei Prozent Mitglieder weniger (Stand: 31. Dezember 2019: 6300). „81 Menschen sind aus der Gemeinde ausgetreten, sieben wurden aufgenommen“, sagt Sprecherin Angela Rietdorf. Der Rückgang sei aber auch auf die demographische Entwicklung zurückzuführen. So gab es in der Gemeinde deutlich weniger Taufen als Bestattungen.

Die Gründe für den Austritt aus der Kirche seien vielfältig, sagt Kreisdechant Assmann. Dazu gehöre das Bekanntwerden von Skandalen rund um die katholische Kirche wie der Umgang mit Finanzen oder der Missbrauch an Kindern. „Ein gewichtiger Grund ist auch die weniger werdende Bindung“, sagt Assmann. Auch der Verlust des Glaubens sowie eine größere Entfremdung von der Kirche im Allgemeinen seien mögliche Ursachen für die steigende Zahl der Austritte.

Die evangelische Gemeinde in Grevenbroich sieht ähnliche Entwicklungen. „Die Bindung der Menschen an die Kirche ist nicht mehr so eng wie früher“, sagt Presbyteriumsvorsitzender Michael Diezun. „Ich habe oft den Eindruck, die Kirche ist ein Schwimmverein, in dem aber viele Nichtschwimmer sind, die sich nun fragen, warum sie überhaupt noch dabei sind.“ Selbst Mitglieder sähen immer häufiger keinen Grund mehr, zur Kirche zu gehören und würden selbst bei kleinen Anlässen austreten – etwa, wenn der Pfarrer keinen Besuch am 70. Geburtstag abstattet. „Die Schwelle für einen Kirchenaustritt ist wahnsinnig gering geworden“, ergänzt Diezun. Bei jungen Leuten spiele oft auch die Kirchensteuer eine Rolle. Sie würden sehen, dass sie Geld von ihrem Gehalt abgeben, „obwohl sie nicht oft in die Kirche gehen“.

Die katholische Kirche im Rhein-Kreis Neuss und in Grevenbroich versucht, dem Trend entgegenzuwirken. „Als Kirche reagieren wir mit einer möglichst transparenten Arbeit“, sagt Assmann. „Finanzberichte werden seit sechs Jahren differenziert veröffentlicht, und die Arbeit der gewählten Gremien wird besser erklärt.“ Zudem werde eine Willkommenskultur gepflegt und neu eingeübt. Nach den Missbrauchsfällen fand zudem ein Umdenken statt: Die katholische Kirche hat nach Angaben des Erzbistums Köln allgemeine Leitlinien zum Umgang mit Verdachtsfällen aufgestellt. Zudem arbeiteten in vielen Bistümern seit einigen Jahren schon Interventions- und Präventionsbeauftragte. Alle kirchlichen Mitarbeiter besuchten im Zuge dessen verpflichtende Präventionsschulungen.

Die evangelische Kirche unternimmt ebenfalls Anstrengungen, um Austritte aus der Kirche zu verhindern. „Wer austritt, muss keinen Grund angeben und wendet sich auch selten mit einer Begründung an die Gemeinde“, sagt Angela Rietdorf, Sprecherin des evangelischen Kirchenkreises Gladbach-Neuss. Deshalb erhebt der Kreissynodalausschuss, das Leitungsgremium des Kirchenkreises zwischen den Synoden, derzeit mithilfe der Gemeinden die bekannten Gründe für Austritte. Die Ergebnisse liegen jedoch noch nicht vor.

Die evangelische Gemeinde in Grevenbroich setzt auf Konfrontation und Aufklärung. Jedes Mitglied, das aus der Kirche austritt, erhält einen Brief. Eine Antwort, in dem die Gründe benannt werden, bekommt Michael Diezun aber nur selten. „Rund fünf bis zehn Prozent schreiben zurück“, sagt er. Tritt ein Mitglied in die Gemeinde ein oder wird konfirmiert, kommt es zusätzlich zu einem Gespräch. Darin wird deutlich gemacht, dass die Kirche auf Geld angewiesen ist. „Das müssen wir den Leuten sagen“, sagt Michael Diezun.