Grevenbroich: Kapellener erforscht Spermien-Störer

Grevenbroich: Kapellener erforscht Spermien-Störer

Bedeutendes Forschungsergebnis: Christian Schiffer aus Kapellen hat bewiesen, dass Alltags-Chemikalien die Sensoren menschlicher Spermien stören können. Seine Erkenntnisse könnten künftig Paaren mit Kinderwunsch helfen.

Die Forschungsergebnisse von Christian Schiffer schlagen hohe Wellen vor allem in Fachkreisen. Dabei gehen seine Erkenntnisse jeden etwas an - denn der Kapellener hat herausgefunden, dass bestimmte, teils ganz alltägliche Chemikalien die menschliche Fruchtbarkeit gehörig stören könnten. Bisher hatten Wissenschaftler vor allem vermutet, dass manche Chemikalien das Hormonsystem beeinflussen. "Ich habe mir die Frage gestellt, welche Auswirkungen ,Störer des Hormonsystems' konkret auf menschliche Spermien haben", erzählt der Biochemiker.

Der Biochemiker hat in den vergangenen Jahren viel Zeit im Labor verbracht und Spermien-Reaktionen erforscht. Foto: Klaus-Tschira-Stiftung / Ingo Knopf

Er hat viel Zeit in Laboren verbracht und schließlich Erstaunliches und ebenso Bedrückendes festgestellt: Werden Spermien mit bestimmten Stoffen zusammengebracht, können sie die Signale der Eizelle unter Umständen nicht richtig interpretieren und schaffen möglicherweise den Weg durch den Genitaltrakt der Frau nicht mehr. Eine denkbare Folge: Kinderwünsche bleiben unerfüllt.

Den Kapellener macht es stolz, mit seinen Erkenntnissen einen Beitrag zur Forschung geleistet zu haben. Allerdings ist es aus seiner Sicht damit nicht getan: Er will Menschen damit helfen und aufklären. Für einen Erklär-Beitrag in einem deutschlandweit veröffentlichten Magazin ist Christian Schiffer jetzt mit dem "Klaus-Tschira-Preis" ausgezeichnet worden, einem der bekanntesten Preise für Wissenschaftskommunikation. "Mir ist es wichtig, dass meine Ergebnisse nicht einfach in irgendwelchen Akten landen. Ich möchte sie so erklären, dass sie jeder versteht."

Auf großes Interesse stoßen Schiffers Forschungserkenntnisse auch in seiner Heimatstadt: Der Frauenarzt Professor Christian Gnoth etwa spricht von einer insgesamt in den westlichen Industrienationen "nachlassenden Qualität männlicher Samen" insbesondere mit Blick auf deren Konzentration und Beweglichkeit. Er sieht dies als einen Grund für unerfüllte Kinderwünsche - neben der Tatsache, dass Frauen mit Kinderwunsch heute oft deutlich älter sind als noch vor einigen Jahren.

"An der nachlassenden Samenqualität besteht kein Zweifel mehr", findet Gnoth deutliche Worte und bezieht sich auf eine ganze Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen, nach denen auch die Deutschen geradewegs auf eine "Spermienkrise" zusteuerten. Er macht sich Sorgen, denn schädliche Chemikalien könnten bei Menschen über Jahre wirken, ehe sie sich fortpflanzen. Die Ergebnisse seines Kollegen Christian Schiffer hält er für "ausgesprochen wichtig"; sie seien ein bedeutender Mosaikstein in der Forschung.

Um zu erklären, was er genau herausgefunden hat, greift Christian Schiffer zu einem anschaulichen Vergleich: "Wenn ein Sportschwimmer gleich nachdem er ins Wasser gesprungen ist zum Zielspurt übergeht, hat er später kaum mehr eine Chance, das Ziel überhaupt zu erreichen, weil er sich schon am Anfang völlig verausgabt hat." Ähnliches beobachtete der 30-Jährige bei seinen Forschungen an Spermien, bei denen eine riesige Datenbank unterschiedlicher Alltags-Chemikalien zum Einsatz kam.

Selbst wenn die Spermien nur mit einer geringen Dosis bestimmter Stoffe in Berührung kommen, werden sie laut Schiffer "hyperaktiv" - und ihre Sensoren für die weibliche Eizelle gestört. Unter dem Mikroskop zeige sich dies anhand einer stark verlangsamten Schlagfrequenz ihres Schwanzes und anhand asymmetrischer Bewegungen. "Diese Erkenntnis ist neu", sagt Schiffer. Besorgniserregend: Der Kapellener hat Spermien-Effekte wie diese bei Chemikalien-Konzentrationen beobachtet, die bei Menschen tatsächlich nachgewiesen worden sind.

Doch welche Stoffe lösen die Probleme aus? Der promovierte Naturwissenschaftler nennt mehrere, möchte allerdings keine Panik machen. Er betont: "Fast alle der betroffenen Chemikalien haben einen Nutzen, ihre Verwendung ist also berechtigt." Allerdings gelte es, die Stoffe zu erwischen und zu ersetzen, die die Fortpflanzung negativ beeinträchtigen können. Dazu zählten unter anderem Teile von Wirkstoffen, die etwa in Sonnencreme, Zahnpasta oder Kosmetika vorkommen. Ein weiteres Beispiel: ein inzwischen zumindest in Teilen der Welt verbotenes Pestizid, das lange Zeit zur Malaria-Bekämpfung als "Insektenwaffe" eingesetzt worden ist. "Noch heute könnten Menschen in bestimmten Urlaubsländern durchaus damit in Kontakt kommen", sagt Schiffer. Seine Entdeckungen hat der Biochemiker auch für seine Doktorarbeit verwendet, an der er viele Monate geschrieben hat. Inzwischen arbeitet er im Zentrum für Reproduktionsmedizin an der Uniklinik Münster, wo er gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern weiter auf dem Fachgebiet Reproduktionsmedizin forscht.

(cka)