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Grevenbroich: Junge Autofahrer lernen ihre Grenzen kennen

Grevenbroich : Junge Autofahrer lernen ihre Grenzen kennen

Beim ADAC-Fahrsicherheitstraining werden Jugendliche im Umgang mit ihrem Wagen geschult, um Unfälle zu vermeiden.

Auf das Experiment lässt sich die 17-jährige Hannah Zaum sofort ein. Wie eine fette Skibrille sieht das Ding aus, das sie sich auf die Nase setzt — doch diese Brille hat einen anderen Effekt: Es ist eine "Promille-Brille", und Hannah hat sofort das Gefühl, als habe sie mächtig gebechert. Aber Alkohol hat die junge Fahranfängerin mitnichten getrunken. Trotzdem ist ihr Gleichgewichtssinn gestört, sie sieht die Dinge zweifach, dreifach — und wer ihr jetzt einen Tennisball zuwirft, sieht Hannah mit konzentriertem Blick äußerst zuverlässig daneben greifen. "Unmöglich", sagt sie. "Ich sehe alles dreimal."

Erst testet Hannah Zaum (17), Teilnehmerin beim Fahrsicherheitstraining, die "Promille-Brille". Später lernt sie bei der Vollbremsung auf regennasser Straße, dass Ausweichmanöver schon bei Tempo 50 ganz schön schwierig sind. Zum Glück besteht das Hindernis nur aus einer Wasserfontäne. Foto: L. Berns

Die "Promille-Brille" ist ein Bestandteil des ADAC-Fahrsicherheitstrainings, an dem die Schülerin teilnimmt. Begleitet wird sie von Vater Bernhard, denn mit 17 darf sie noch nicht allein durch die Gegend kurven. Hannah Zaum hat sich für das "begleitete Fahren" entschieden, aber bis zum 18. Geburtstag ist es nicht mehr so lange hin — und dann kann sie auch alleine zu Spritztouren aufbrechen. Darauf möchte sie vorbereitet sein.

Deshalb ist die Mönchengladbacherin nach Grevenbroich gekommen. Im ADAC-Fahrsicherheitszentrum (FSZ) lernt sie, ihren Wagen und ihre Fahrkünste besser einzuschätzen. Lektion eins ist schon vor der "Promille-Brille" eine Selbstverständlichkeit für die junge Frau: Alkohol und Autofahren passen nicht zusammen. Lektion zwei lernt sie nicht minder schnell: Es ist nicht leicht, Hindernissen auszuweichen — vor allem dann nicht, wenn die Fahrbahn nass und damit rutschig ist. Das Hindernis ist in diesem Fall eine Wasserfontäne, und Hannah ist nicht die einzige in der Gruppe junger Fahranfänger, die mit dem Ausweichen Probleme haben.

Fahrsicherheitstrainer Norbert Pohl fordert die Gruppe auf: "Beschleunigt jetzt auf mindestens 50 Kilometer pro Stunde und versucht, den aufspritzenden Wasserfontänen auszuweichen." Klingt nicht so schwer, wie es ist. Pohl erklärt, dass es beim reflexartigen Ausweichen besonders wichtig ist, das Lenkrad nicht zu ruckartig zu bewegen: "Der Pkw gerät sonst sehr leicht ins Schleudern — vor allem auf nasser Fahrbahn." Alle zwölf Kursteilnehmer kommen bei dieser Übung ganz schön ins Schwitzen. Simon Kleinert aus Oberhausen hat die Fahrt gerade hinter sich, auch für ihn ging's mit einem lauten Klatscher durch die Fontäne. "Als ich eben ins Schleudern gekommen bin, habe ich zum ersten Mal die Kontrolle über mein Auto verloren", sagt der 24-Jährige, der seinen Führerschein seit sechs Jahren hat.

Die Teilnehmer des Trainings sind schnell einer Meinung: Im Straßenverkehr kann man sich leicht überschätzen. Und allein auf die Technik sollte auch niemand vertrauen. Doch mit dieser Meinung sind sie eher eine Ausnahme, vor allem in ihrer Altersklasse. Denn viele Führerscheinneulinge vertrauen der Technik ihres Fahrzeugs blind und sind auch bereit, Risiken einzugehen und schneller zu fahren, als es die Geschwindigkeitsbegrenzung erlaubt. Dabei verlangt wenig Erfahrung gerade den Fahranfängern im Straßenverkehr viel Aufmerksamkeit ab.

Nur die wenigsten wissen, wie ihr Pkw und vor allem sie selbst reagieren, wenn es plötzlich ernst wird und sie abrupt ausweichen und drastisch abbremsen müssen. Das Verhalten in solchen Situationen können Fahranfänger beim Pkw-Sicherheitstraining im FSZ lernen. Viele stoßen dabei an ihre Grenzen und realisieren, wie schnell man die Kontrolle über sein Fahrzeug verlieren kann. "Am besten tritt man bei einem plötzlich auftauchenden Hindernis als Fahrer sofort die Kupplung und bremst ab — ohne hektisch gegenzulenken", sagt Norbert Pohl, der seit 2008 zum FSZ-Team gehört und mit seiner Gruppe sehr zufrieden ist: "Die Fahranfänger sind lernfähig und stellen interessiert Fragen."

Thematisiert wird bei dem neunstündigen Fahrsicherheitstraining auch das Fahren nach dem Konsum von Alkohol oder Drogen — wie mit der "Promille-Brille". Auch im Fahrschulunterricht wird darüber gesprochen. "Wir führen in den Theoriestunden Videos vor, die zeigen, wie gefährlich es ist, im Rauschzustand Auto zu fahren", sagt Fahrlehrer Michael Hoffmann.

Das Angebot des ADAC soll dazu beitragen, die Unfallrate bei Verkehrsteilnehmern im Alter von 18 bis 24 Jahren zu senken: "Denn Fahranfänger sind deutlich häufiger an Unfällen beteiligt, als Fahrer mit mehr Erfahrung", sagt Klaus Ruppert, Leiter des FSZ Grevenbroich, der das unter anderem auf jugendlichen Leichtsinn zurückführt.

Das Ergebnis: "22,6 Prozent aller Unfälle mit Personenschaden wurden in NRW von jungen Fahrern im Alter von 18 bis 24 Jahren verursacht — zum Vergleich: Fahrer über 64 Jahren waren nur bei 14,1 Prozent aller Unfälle der Hauptverursacher", fasst ADAC-Sprecherin Julia Frizen zusammen.

(cka)