Grevenbroich: Jüdische Schicksale erforscht

Grevenbroich : Jüdische Schicksale erforscht

Das Schicksal der jüdischen Familie Aussen aus Hemmerden soll im Rahmen eines deutsch-niederländischen Projekts aufgearbeitet werden. Ulrich Herlitz (Grevenbroich) und Jan Veermann (Wijhe) recherchieren gemeinsam.

Die Familie Aussen lebte einige Jahre in Hemmerden, später zog sie in das nahe der Grenze gelegene niederländische Dorf Wijhe. Dort traf Ulrich Herlitz, der sich intensiv mit dem Schicksal der Grevenbroicher Juden beschäftigt, auf einen Gleichgesinnten: Jan Veermann, der sich wie Herlitz intensiv mit der Geschichte der Aussens auseinandersetzt. "Wir haben nun beschlossen, gemeinsam die Biografie der Familie zu erstellen", erklärt Herlitz.

Was den beiden Forschern bekannt ist: Jakob Aussen war Holländer, sein Bruder Moses betrieb in Hemmerden eine Metzgerei. Seine Frau Klara war Deutsche, ihr Bruder führte in im Dorf das traditionsreiche Maßschneiderei- und Konfektionsgeschäft "Lazarus Winter & Söhne" fort. Jakob und Klara Aussen zogen später nach Holland, wo die Töchter Sophie (1924) und Hertha (1926) geboren wurden.

"Besonders viel wissen wir von dem jungen Mädchen Hertha Aussen, die mit ihrer christlichen Freundin Netty Renes eine intensive Brieffreundschaft pflegte", erklärt Ulrich Herlitz. Selbst als die jüdische Familie im Oktober 1942 in das "Polizeiliche Durchgangslager" im niederländischen Westerbrok gebracht wurde, hielt dieser Kontakt noch an.

"Mehr als ein Jahr blieb Hertha mit ihrer Familie in Westerbrok von den Deportationen nach Auschwitz verschont. Doch am 14. September 1943 mussten auf sie ,auf Transport gehen'", so Herlitz. Noch aus dem Zug schrieb Hertha an ihre Freundin Netty eine Karte: "Wir sitzen mit etwa 40 Menschen und Gepäck in diesem heißen und schwülen Viehwaggon. Wir sind voll guten Mutes auf ein baldiges Wiedersehen in unserem geliebten kleinen Holland. Leb Wohl, ein Kuss, Hertha!" "Das Mädchen, ihre Schwester Anni und ihr Vater kehrten nicht zurück, sondern wurden direkt nach ihrer Ankunft in Auschwitz in der Gaskammer umgebracht. Ihre Mutter Klara wurde Opfer nutzloser medizinischer Versuche und starb kurz nach der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945", erläutert Herlitz.

Der Grevenbroicher führte jetzt eine 30-köpfige Delegation nach Westerbrok. Dort erhielten sie nicht nur die von Herlitz und Veermann bisher erstellten biografischen Informationen, sondern konnten auch die Originalbriefe von Hertha Aussen einsehen. "Das war ein denkwürdiger Tag des Erinnerns", meint Friedrich Schmitz, Vorsitzender des Geschichtsvereins. Mit in der Gruppe waren auch Konfirmanden der evangelischen Kirchengemeinde, die im Oktober einen Gedenkstein für die deportieren Kinder auf dem jüdischen Friedhof in Wevelinghoven aufstellten — er trägt auch die Namen der Schwestern Hertha und Anni.

Ulrich Herlitz und Jan Veermann wollen nun die Ergebnisse ihrer Recherchen zusammenführen. Noch in diesem Jahr ist eine Veröffentlichung geplant.

(NGZ/rl)