Im Kraftwerk in Grevenbroich-Neurath wird der Kohlestrom flexibel produziert.

Serie: Menschen im Revier: Der „Wächter“ über die Stromproduktion

In Neurath ist Walter Scheffler für 340 Mitarbeiter verantwortlich – und dafür, dass es stets bedarfsgerecht Strom gibt.

Ein „alter Hase“ ist Walter Scheffler mit seinen mittlerweile 32 Anstellungsjahren bei RWE. Als Abteilungsleiter für die Produktion im Kohlekraftwerk Neurath ist der 61-Jährige für 340 Mitarbeiter verantwortlich und zugleich auch dafür, dass genug Strom in Neurath erzeugt wird. Gebürtig aus Kamp-Lintfort, wo er mit seiner Familie auch lebt, hat sich Walter Scheffler vom Heizungsinstallateur mit den Jahren und Jahrzehnten in seine verantwortliche Position hoch gearbeitet, die weitaus mehr erfordert, als „nur“ das Personal für die drei Wechselschichten rund um die Uhr, an Wochenenden und Feiertagen so zu organisieren, dass die Stromproduktion nie stillsteht.

Wurde bis vor einigen Jahren noch unabhängig vom Strombedarf das Kraftwerk immer auf voller Leistung gefahren, so ist Walter Scheffler mittlerweile mit einem hoch komplexen und anspruchsvollen Regelungssystem betraut, das die Produktionsleistung dem jeweiligen Strompreis und der Bedarfsabfrage anpasst. Dazu wird die Kohlestromproduktion in Neurath auch regelrecht der Witterung angepasst: Gibt es viel Strom aus der Windenergie oder aus den Solaranlagen, wird die Kohleleistung entsprechend reduziert. Innerhalb von fünf Minuten kann Scheffler die Leistung im Kraftwerk hoch- oder herunterfahren lassen. Dazu verfolgt er von seinem Büro aus eine Vielzahl von elektronisch übermittelten Wetter-, Strompreis-, Strombedarfs- und Alternativenergiekurven.

Walter Scheffler ist Produktionsleiter im Kraftwerk Neurath. Foto: Gundhild Tillmanns

Doch der „alte Hase“, der es unbedingt noch bis zur Rente Ende 2022 bei RWE schaffen möchte, könnte heute auch noch eine Heizung reparieren, erinnert er sich an seine Berufsanfänge, die tatsächlich mit einer Explosion begonnen hatten: Als er 14 Jahre jung war, hatte es bei ihm zu Hause eine Heizungsexplosion gegeben, die glücklicherweise ohne Verletzte, aber für den jungen Walter mit einer „Initialzündung“ einhergegangen war. „Keiner wusste so richtig, wie er unsere Heizung reparieren sollte. Da habe ich beschlossen, Installateur zu werden“, erinnert er sich. Nach der Lehre arbeitete Scheffler in einem Installationsbetrieb und studierte später in Köln noch Technik.

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Doch die Firma, wo er angestellt war, ging pleite. Durch Zufall kam er zu RWE: Ein Studienfreund erzählte ihm, er habe sich dort beworben, aber schon einen anderen Job gefunden: „Dann sag’ nicht ab, ich gehe an deiner Stelle da hin“, entschied sich Scheffler kurzerhand. Und er wurde tatsächlich auch eingestellt. Um die Rauchgasentschwefelungsanlage kümmerte er sich zunächst in Neurath, bevor die werkseigene „Werdegangsförderung“ auf ihn aufmerksam wurde und Scheffler für einige Jahre zur Zentrale nach Essen wechselte. Da war er für den Stromvertrieb zuständig, bis er im Jahr 2000 wieder in die Stromerzeugung nach Neurath zurückgeholt wurde. Indem er dort jetzt für die wirtschaftliche und bedarfsgerechte Stromproduktion zuständig ist, schließt sich für Scheffler auch ein Kreis in seinem langen Berufsleben, das allerdings in den vergangenen fünf Jahren immer schwerer geworden sei, was die öffentliche Wahrnehmung und Akzeptanz anbelange, wie er zugibt.

Durch die politische Debatte um den Kohleausstieg und die aus seiner Sicht als „Terrorismus“ zu bewertenden Aktivisten-Aktionen sehe er sich auch persönlich immer öfter in der Not, sich für seine Arbeit im Revier regelrecht rechtfertigen zu müssen. „Ich frage die Leute dann immer, was sie machen würden, wenn ich mit meinem Zelt ihren Vorgarten besetzen würde“, spricht Scheffler die Besetzung des Hambacher Forstes durch Kohlegegner an: „Das ist für mich ein eindeutiger Rechtsbruch“, sagt er.

Sorgen bereitet dem Abteilungsleiter aber auch die Altersstruktur der Belegschaft im Kraftwerk Neurath: „Es gibt einen Bruch in der Altersstruktur. Wir haben zwar etwa zehn Prozent junge Leute, die noch Kraftwerker lernen oder gelernt haben und damit auch außerhalb der Kohle zum Beispiel sogar von der Autoindustrie übernommen werden können“, schildert Scheffler die Berufsperspektive der jüngeren Generation für die Zeit nach dem Kohleausstieg. Aber der Großteil der Belegschaft sei älter als 50 Jahre: „Und für die wird es eng. Die werden, wenn es hier in Neurath zu Ende geht, auf dem freien Markt keine Jobs mehr finden“, bedauert der Abteilungsleiter.

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