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Grevenbroich: Hebamme für 7,50 die Stunde

Grevenbroich : Hebamme für 7,50 die Stunde

Die Grevenbroicher Hebamme Dagmar Lützenkirchen hat Verständnis für die Streiks in Nordrhein-Westfalen. Nur 7,50 Euro Stundenlohn und aufs Doppelte gestiegene Haftpflichtversicherung belasten die Hebammen enorm.

Über richtiges Stillen und effektives Windelwickeln kann ihr keiner mehr etwas beibringen. Schließlich ist die Grevenbroicherin Dagmar Lützenkirchen seit 38 Jahren Hebamme, hat in dieser Zeit weit über 1000 Mütter und deren Kinder betreut. Was die 58-Jährige allerdings aus der Ruhe bringt: die prekäre finanzielle Situation der Hebammen.

Gestern machten in ganz NRW ihrem Ärger darüber Luft, legten die Arbeit nieder. Lützenkirchen bringt das Kernproblem auf den Punkt: "Wir verdienen nur 7,50 Euro pro Stunde – und das, obwohl wir hochspezielle Fachkräfte sind." Nicht nur der niedrige Lohn, auch die hohen Versicherungskosten bringen die Hebammen in Existenznöte. Im vergangenen Jahr waren sie auf das Doppelte gestiegen. Pro Jahr werden nun allein mehr als 3000 Euro für die Haftpflichtversicherung fällig. "Da muss man erst einmal zehn Geburten machen, um das Geld wieder hereinzubekommen", rechnet die Hebamme vor, die an der Montanusstraße auch noch eine Praxis für Homoöpathie betreibt. Ohne dieses zweite Standbein wäre sie vielleicht auch schon in den roten Zahlen – wie viele ihrer Kolleginnen. Denn mehr als 100 Hebammen haben in Nordrhein-Westfalen ihren Beruf an den Nagel gehängt, als 2010 die Versicherungsprämien exorbitant stiegen.

Sie ist sich sicher: Den Beruf der Hebamme kann man nur machen, wenn man ihn als Berufung sieht. So sind die Hebammen seit einiger Zeit verpflichtet, innerhalb von drei Jahren 60 Stunden Fortbildung zu absolvieren. "Ich weiß wirklich nicht, wie ich das bezahlen soll", schildert Lützenkirchen. In der Fortbildung geht es nicht nur um Babypudern und Windelnwechseln. Auch Themen wie die Reanimation von Neugeborenen sind auf dem Programm – ein weiterer Hinweis, welch verantwortungsvolle Aufgabe eine Hebamme leistet.

Dagmar Lützenkirchen hat sich auf die Betreuung während und nach der Schwangerschaft spezialisiert; die eigentliche Entbindung nimmt sie nicht vor. Die Streiks gestern begrüßt die Mutter eines Sohnes. "Die Situation ist zum Heulen, es muss endlich etwas getan werden", sagt sie. Sie selbst streikte allerdings nicht – denn da sie selbständig ist, hätte das Verdienstausfall bedeutet. Und das kann sich die Homöotherapeutin nicht leisten.

Wann sie den letzten Urlaub gemacht hat, weiß Dagmar Lützenkirchen nicht mehr – denn es ist viele Jahre her. Der Beruf ist ihr einziges Hobby – weder Sport noch Spiele stehen nach Feierabend auf ihrem Programm. Die einzige Freizeitbeschäftigung, die sie nennt, sind die Hebammen-Fortbildungskurse. "Für mich ist die Fortbildung wie Urlaub. Da kann ich mich so richtig entspannen", sagt sie.

(NGZ)