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Grevenbroich: Wo die Erft zu einem Natur-Erlebnis wird.

Fluss wurde bei Frimmersdorf neu gestaltet : Wo die Erft zu einem Natur-Erlebnis wird

Der Fluss wurde südlich von Frimmersdorf auf etwa 1,4 Kilometern naturnah gestaltet. Weitere 500 Meter sollen bald folgen. Schritt für Schritt soll die Natur in den kommenden Jahren die Erft zurückerobern.

Nahe des Ufers, dort wo die Erft etwas seichter ist, ragt immer wieder eine große Flosse aus dem Wasser. Gehört die zu einem kapitalen Hecht? Oder gar zu einem der legendären Welse, die es auf Längen von drei Metern bringen sollen? Christian Gattke, Gewässer-Experte des Erftverbandes, zuckt mit den Schultern – und dann lächelt er: „Ein bisschen wie an Loch Ness hier, oder?“

Ein bisschen schon. Denn die Erft ist entlang der Frimmersdorfer Höhe anders als in ihrem übrigen Verlauf im Stadtgebiet. Sie ist wilder, natürlicher, ursprünglicher – keine Spur mehr von dem sonst so kanalartig ausgebauten Gewässer. Für diese Wandlung hat der Erftverband in den Jahren 2018 und 2019 gesorgt, als er den Fluss in zwei Abschnitten aus seinem Bett entfesselte.

Jetzt zeigt sich: Die Arbeit hat sich gelohnt. Nicht nur, weil sich das Landschaftsbild auf einer Gesamtstrecke von 1,4 Kilometern deutlich zum Positiven hin veränderte. Sondern auch, weil sich die Artenvielfalt allmählich wieder einstellt. So ist etwa die in der Erft selten gewordene Barbe in den neu gestalteten Abschnitten wieder häufiger anzutreffen. „Das ist schon mal eine deutliche Verbesserung“, sagt Christian Gattke, der beim Erftverband für die Flussbewirtschaftung zuständig ist.

Mit Hilfe von Kies und schweren Steinen, die einst die Uferböschung befestigten, wurden Buhnen angelegt – kleine Inseln, die zum Teil weit in das Wasser hineinragen. Sie tragen dazu bei, dass sich die Erft stellenweise wie eine Schlange durch die Landschaft windet. An den „Spitzen“ der zum Teil mit Weiden und Schilf bewachsenen Buhnen fließt das Wasser schneller, an ihren Seiten steht es fast. „Diese unterschiedlichen Strömungsverhältnisse bieten optimale Lebensräume für Kleinstlebewesen, Fisch- und Amphibienarten“, berichtet Christian Gattke.

Da die steile Uferböschung auf der rechten Erft-Seite nun steinlos ist, bröckelt sie immer mehr ab. Der eine oder andere dort stehende Baum ist daher bereits ins Wasser gekippt und bietet nun gute Verstecke für Fische, die Angst vor Räubern haben, Ansitze für Vögel, die nach Insekten picken, und lauschige Sonnenplätze für Schildkröten, die hin und wieder in den neu gestalteten Abschnitten gesichtet werden. In den Steilhängen gut zu erkennen: von Eisvögeln gebaute Nisthöhlen. Natur pur – direkt vor der Haustür.

Ganz abgeschlossen ist das „Entfesselungs-Projekt“ südlich von Frimmersdorf jedoch noch nicht. Zwischen den beiden neu gestalteten Abschnitten klafft noch eine etwa 500 Meter lange Lücke, „die innerhalb der nächsten beiden Jahre geschlossen werden soll“, sagt Christian Gattke. „Ganz zum Schluss werden wir auf einer Strecke von zwei Kilometern eine Erft haben, die deutlich vielfältiger und interessanter ist.“ Schon jetzt sei die Resonanz auf das neue Erscheinungsbild sehr gut: „Wir bekommen eigentlich nur positiven Zuspruch.“

Schließlich ist das Ganze auch als Naherholungsgebiet für Besucher gedacht. Angler, Fahrradfahrer und Picknick-Freunde sind an den neuen Ufern gern gesehen. Deshalb haben die Planer an den eigentlich dicht bewachsenen Flussrändern an mehreren Stellen große „Blickfenster“ angelegt, damit der Besuch der Erft einen „Erlebniswert“ hat. Auch das Betreten der Buhnen, die an manchen Stellen mitten in den Fluss ragen, ist nicht untersagt.

Das Landschaftsbild wird sich mit der Zeit weiter verändern – vor allem dann, wenn die Sümpfungswässer aus dem Tagebau Hambach nicht mehr in den Fluss eingeleitet werden. Zurzeit fließen neun Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch das 18 Meter breite Flussbett bei Frimmersdorf. Davon stammen siebeneinhalb Kubikmeter aus der großen Grube. Sobald die Pumpen abgeschaltet sind, werden nur noch 1500 Liter in der Sekunde fließen – durch ein Bett, das in den trockenen Sommermonaten nur noch drei bis vier Meter breit sein wird.

„Das wird Auswirkungen auf den gesamten Uferbereich haben. Es werden Röhricht-Zonen entstehen, die es so an der Erft derzeit nicht gibt“, berichtet Christian Gattke. Auch Wasserkresse und andere Pflanzenarten werden sich dort mit der Zeit ansiedeln, so dass neue Lebensräume vor allem für Amphibien entstehen.

Das nächste Projekt hat der Erftverband bereits im Visier: Mitte der 2020er Jahre soll der Fluss von der der Apfelwiese im Stadtpark bis nördlich der Kreisstraße 10 umgebaut werden. Geplant ist dort, die Erft in zwei großen Schleifen mäandern zu lassen. Ziel ist „eine schöner, naturnaher Fluss“, sagt Gattke.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So schön ist die Erft-Umgestaltung geworden