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Grevenbroich: Viren und der Kreislauf des Lebens

Spiritueller Zwischenruf : Viren und der Kreislauf des Lebens

Corona zehrt an der Lebenskraft und der Unbeschwertheit. In diesem Sinne frisst es menschliches Fleisch, meint Bruno Robeck, Prior der Zisterziensermönche aus Langwaden.

Im gewissen Sinn kann man sagen, dass das Coronavirus ein Fleischfresser ist. Auch wenn es sich nicht direkt vom menschlichen Fleisch ernährt, so lebt es doch vom menschlichen Organismus und zerstört ihn. Und selbst wenn wir uns nicht infizieren, so zehrt das Virus unsere Lebenskraft und Unbeschwertheit auf. In diesem Sinne frisst es unser Fleisch, das für unser Leben steht, auf.

Viele Menschen essen gerne Fleisch und akzeptieren dadurch die Tötung von Tieren, wenngleich diese – für uns unsichtbar – in abgelegene Schlachthöfen ausgelagert ist. Gerade das Coronavirus hat uns den Blick für die Fleischproduktion geöffnet, so dass wir nicht mehr anonymisiert ein Stück Fleisch auf dem Teller sehen, sondern um das Schicksal der Tiere und um die oft unhaltbaren Arbeitsbedingungen in den Schlachtbetrieben wissen.

Unsere hiesige Gesellschaft lebt wesentlich vom Fleischkonsum. In diesem Zusammenhang fällt mir ein Jesuswort ein: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch“ (Joh 6,53). Die Zuhörer Jesu sind schockiert und viele verstehen ihn nicht. In der Theologie wurde um das Verständnis dieses Wortes gerungen. Klar ist, dass es nicht um das Essen des Fleisches von Jesu Körper geht. Im letzten Abendmahl vor seinem Leiden erklärt Jesus selbst, was er meint, wenn er Brot und Wein reicht und von seinem Leib und seinem Blut spricht.

Daran werden die Seinen ihn immer wieder erkennen können. Das Fleisch und Blut Jesu beinhaltet sein Leben und alles, wofür er steht. Wenn sein Leben und seine Botschaft uns in Fleisch und Blut übergehen, dann werden wir mit ihm eins. Dieses Wort „von seinem Fleisch essen und seinem Blut trinken“, zeigt uns, dass wir von ihm leben und zehren können. Es ist eine Grundwahrheit unseres Lebens, dass wir von den anderen Menschen leben: von deren Arbeit und Einsatz, von deren Hilfe und Zuwendung. Gleichzeitig brauchen die anderen uns. Es ist ein Hin- und Herfließen der lebensspendenden Kraft. Jesus war auf besondere Weise für die Menschen da und er selbst lebte auf besondere Weisung aus seiner Beziehung zum Vater im Himmel.

„Essen und gegessen werden“ gehören also zur christlichen Lebenshaltung. Jesus fordert uns auf, uns auf diesen Kreislauf einzulassen. Wir setzen uns für andere ein und andere setzen sich für uns ein. Wir leben nicht nur vom Nehmen, sondern auch vom Geben, das uns auf paradoxe und wundersame Weise stärken kann.

In der Evolution herrscht das Prinzip „Fressen und gefressen werden“ vor. So hat auch Corona keine andere Möglichkeit entweder andere zu zerstören, um zu leben, oder selbst zerstört zu werden. Wir Menschen können sehr wohl entscheiden, wie wir leben möchten. Wir müssen uns nicht diesem Prinzip beugen. Wir können erkennen, dass es gut und bereichernd ist, wenn wir unsere Lebenskraft für andere einsetzen und wir können beurteilen, inwieweit wir auf die Natur Einfluss nehmen möchten. Bruno Robeck, OCist