Grevenbroich: Undercover als Komparse bei RTL

NGZ-Autor als RTL-Komparse : Kalter Kaffee und Lippen-Akrobatik

Wie ist es, einen Tag als Komparse bei einer RTL-Soap mit zuspielen? Unser Autor war „inkognito“ beim Dreh von „Freundinnen – jetzt erst recht“ in Grevenbroich dabei.

Seit zwei Wochen dreht „UFA Serial Drama“ die neue RTL-Soap „Freundinnen – jetzt erst recht“ in Grevenbroich. Dafür sucht die Produktionsfirma seit Beginn fleißig Komparsen, vor einer Woche fand in der Coens-Galerie sogar ein großes Casting statt. Doch was macht man als Komparse eigentlich? Besteht die Arbeit wirklich nur daraus zu warten und zwischendurch von links nach rechts durchs Bild zu laufen? Ich habe mich „inkognito“ bei der UFA- Talentbase beworben und war einen Tag lang am Set in der Coens-Galerie dabei.

Donnerstag kommt die Bestätigungsmail mit den Einzelheiten zum Dreh. Neben Zeit und Ort die wichtigste Nachricht: „Bitte in normaler Alltagskleidung kommen und dreimal Wechselgarderobe mitbringen.“ Kaffee und Wasser gibt es vor Ort, an Verpflegung muss ich selbst denken. Da wird das Packen der Tasche gleich zur ersten Herausforderung. Wer denkt, dass damit alles gesagt ist, täuscht sich. Bis zum Dreh-Beginn am Freitagmorgen kommen insgesamt acht Anrufe. Sehr kontaktfreudig, diese UFA. Das merken sie immerhin selbst: „Du denkst bestimmt schon, ich will dich belästigen“, sagt die freundliche Dame am Telefon. Erst wird der Drehbeginn geändert, dann das Drehende, dann die Anforderungen an die Kleidung – ein Business-Outfit muss mit – und schließlich werde ich sogar gefragt, ob ich nicht noch ein paar Freunde als Komparsen in petto hätte. Die Zeit am Telefon wird übrigens nicht extra bezahlt.

Freitag, 8.45 Uhr, der Drehtag beginnt. Und zwar mit dem, das am Ende den Großteil der Arbeit ausmachen wird: Warten. Zumindest, wenn man dem Senior mit dem graumelierten Haar und der roten Fliegerbrille glauben darf. Er ist heute nicht zum ersten Mal Komparse, macht das schon seit Jahren und erzählt sehr gerne davon, auch ungefragt. Für den Anfang hat er Recht: Bis die Dreharbeiten wirklich beginnen, dauert es mehr als eine Stunde.

9.45 Uhr, ein Zoo in der Coens-Galerie. Während die Crew das eigens für die Serie gebaute Fake-Café „Dolce Vita“ drehfertig macht, sitzen wir auf mäßig-bequemen weißen Plastik-Stühlen am Rand. Leute schlendern vorbei, mustern uns unverhohlen. Ich komme mir ein bisschen vor wie im Tierpark, während wir dort wie die Vögel auf der Stange sitzen und uns jedermann intensiv begutachtet. Fehlt eigentlich nur noch, dass jemand anfängt Brotkrumen zu werfen.

10 Uhr, endlich der erste Einsatz. Die Aufgabe: Wir sollen zu viert an einem Tisch im Café sitzen und uns unterhalten – beziehungsweise nur so tun. Denn während die Schauspieler im Vordergrund die inhaltlichen Dialoge sprechen, will man keine störenden Hintergrundgeräusche. Sprich: Nicht sprechen, sondern nur die Lippen bewegen und so tun als ob. Am Anfang ist der Versuch das Lippenlesen zu lernen noch ganz unterhaltsam. Irgendwann im Laufe der nächsten vier Stunden geht die Lust an der Lippen-Akrobatik aber eher früher als später verloren.

Diese Tafel weist im Einkaufszentrum Coens-Galerie auf die laufenden Dreharbeiten hin. Foto: Valeska von Dolega

12.30 Uhr, der Kaffee ist kalt. Vor zweieinhalb Stunden war das als Requisite gedachte Getränk immerhin noch warm. Damit der Cafè-Besuch natürlich wirkt, habe ich seitdem für die Kamera immer mal wieder nachgezuckert. Eine schlechte Idee. Denn beim schauspielerischen Nippen an der Tasse, bleibt immer wieder die süßlich-braune und völlig ausgekühlte Brühe an meinen Lippen hängen. Besserung ist leider nicht in Sicht. Zwar kommt der südländische Kellner immer wieder an den Tisch und nimmt Getränkewünsche auf, er bringt nur bei seinen nächsten Auftritten nie etwas mit. Als auf seinem Zettel nach mehr als einer halben Stunde eine inzwischen zweistellige Zahl verschiedenster Bestellungen steht, ist die Szene auf einmal im Kasten. Der Kellner legt seine Schürze ab und macht Feierabend. Na, das gibt kein Trinkgeld.

13 Uhr, erschwerte Bedingungen. Immer wieder bleiben Passanten am Set stehen. Manche schauen nur kurz zu, andere schießen Fotos oder fangen direkt vor dem Set an, sich laut über das Geschehen zu unterhalten. Das führt verständlicherweise zur entnervten Blicken bei Crew und Schauspielern. Ein Mann schießt gegen 13 Uhr aber den Vogel ab. Mit einer Plastiktüte in jeder Hand, biegt er beschwingten Schrittes ins Café „Dolce Vita“ ein und bahnt sich vorbei an den fassungslosen Kameramännern seinen Weg zur Theke. Als er erfährt, dass es sich nur um eine Kulisse handelt, ist er ganz verblüfft: „Ach wie schade, ich hatte mich schon so auf einen Kaffee gefreut.“ Wenn der wüsste, dass der Kaffee hier kalt getrunken wird.

14 Uhr, Pause. Das Café  wird wieder abgebaut. Die Hauptdarsteller, die uns bisher trotz eines netten Lächelns oder eines „Hallo“ geflissentlich ignoriert haben, nehmen sich Zeit für das ein oder andere Foto. Nach der Pause werden wir eine weitere Stunde lang nicht gebraucht. Es ist allerdings erst das zweite Mal an diesem Tag, dass so etwas wie Langeweile aufkommt. Der ältere Kollege mit der Pilotenbrille hat sich zum Glück geirrt: Fast immer sind auch wir Komparsen mit im Geschehen.

15.45 Uhr, Kleiderwechsel. Auf einmal muss alles ganz schnell gehen. Wir ziehen die Businesskleidung an, die letzte Szene des Tages wird in einer Bank gedreht. Mein Job: Seriös aussehen und möglichst geschäftig Akten sortieren oder auf der Tastatur tippen und auf einem schwarzen Bildschirm mit der Maus herumklicken.

16.15 Uhr, Drehschluss. Früher als gedacht ist der Tag zu Ende. Die Pseudo-Bank wird abgeschlossen, wir verlassen die Coens-Galerie. Draußen unterhalte ich mich noch kurz mit den anderen Komparsen. Dort ziehen wir ein Fazit, das jeder, der an diesem Tag dabei war, so unterschreiben kann: Es ist spannend zu sehen, wie das junge, professionelle Team einen Drehtag organisiert und wie die Schauspieler sich auch von der x-ten Wiederholung einer Szene nicht aus der Ruhe bringen lassen. Man wird letztlich dafür bezahlt, andere nette Komparsen kennenzulernen, sich zwischendurch – natürlich ganz leise – zu unterhalten und bekommt nebenbei Einblicke in Abläufe und Handlung der Serie, die man sonst nie erlebt hätte. Ein Tag als Komparse macht ganz klar Lust auf einen zweiten!