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Grevenbroich: Trotz allem keine heillose Zeit

Spiritueller Zwischenruf : Trotz allem keine heillose Zeit

Die Pandemie schlägt viele Wunden, sie werden nicht wirklich geheilt, meint Bruno Robeck, Prior der Langwadener Zisterziensermönche.

Ich erlebe es bei mir selbst und sehe es bei allen anderen. Die Pandemie schlägt Wunden. Art und Tiefe der Verletzung sind verschieden. Auch der Umgang damit unterschiedlich. Bereits bei eigenen körperlichen Leiden schauen viele lieber weg. Vielleicht weil sie Angst davor haben, ihre Verletzung zu sehen, oder weil sie meinen, was sie nicht sehen, existiert auch nicht. Bei seelischen Verwundungen ist diese Verdrängung noch ausgeprägter. Dabei können Verletzungen nur geheilt werden, wenn man sie ansieht, erkennt und dann entsprechend handelt. Doch das erfordert Mut.

In der gegenwärtigen Situation sehe ich die vielen Wunden der Pandemie. Ich sehe aber nicht, dass diese Wunden wirklich angesehen oder geheilt werden. Mir scheint eher, dass allzu oft Trostpflaster aufgeklebt werden, die dann abreißen und die Wunde größer werden lassen.

In der Osterzeit fällt mir die Erzählung von Jesus und seinem Jünger Thomas ein. Thomas will nicht seine eigenen Verletzungen sehen, die der Kreuzestod Jesu und sein eigenes Versagen verursacht haben. Er will aber die Wunden Jesu sehen. Der Blick darauf soll ihm helfen. Und er hilft tatsächlich. Nicht aus einem sadistisch-masochistischem Verlangen heraus. Im Blick auf die verklärten Wundmale erfährt Thomas Heil. Geheilte oder verklärte Wunden strahlen neue Lebenskraft aus. Wer sie sehen darf, bekommt Mut, die eigenen Wunden anzuschauen.

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Solche Anblicke bräuchte es heute: Menschen, die durch ihre Geschichte erzählen, dass Wunden heilen können, wenn man sich ihnen zuwendet. Menschen, in deren Leben überwundenes Leid Spuren hinterlassen hat, die zur Orientierung für andere werden können. Die Pandemie wird uns noch einiges abverlangen. Wir leben in einer Zeit der vielen Verletzungen, aber wir leben in keiner heillosen Zeit. Die meisten am Coronavirus Erkrankten sind wieder genesen. Die meisten Menschen konnten sich bisher erfolgreich vor einer Ansteckung schützen.

Unsere Welt ist nicht heillos, aber sie ist auch nicht heil. Die Wunden der Pandemie dürfen nicht klein geredet werden. Sie wollen gesehen und behandelt werden. Neben dem Kampf gegen das Virus braucht es zeitgleich eine gute Behandlung unserer aktuellen Verletzungen. Diese Wunden müssen wir erst einmal ansehen und erkennen. Dann müssen wir sie benennen und behandeln. Und wir müssen ihnen Zeit zum Heilen lassen. Manchmal bleibt auch nur die Erkenntnis, dass ein Schmerz ausgehalten werden muss. Hier bräuchten wir wieder Menschen, die in ihrem Leben durch Leiden hindurch gereift sind.

Im auferstandenen Jesus haben die Jünger einen solchen Menschen gefunden. Wo können wir heute österliche Menschen finden, damit wir nicht verzagen? Der österliche Mensch 2021 glaubt an die Überwindung des Leids. Er sieht, wo Heilung schon geschieht und dass die Verbannung des Virus aus unserer Welt schon begonnen hat. Wer möchte da nicht selbst ein österlicher Mensch werden?