Spiritueller Zwischenruf Ganz laut rufen nach einem leisen Fest

Langwaden · Eine krisengeschüttelte Zeit braucht Tauben. Adler und Falken gibt es schon genug, meint Bruno Robeck, Prior der Zisterziensermönche aus dem Kloster Langwaden. Warum er Pfingsten für ein wichtiges Fest hält.

 Bruno Robeck ist Prior der Langwadener Zisterziensermönche.

Bruno Robeck ist Prior der Langwadener Zisterziensermönche.

Foto: Melanie Zanin

Wenn in den Supermarktregalen Weihnachtsmänner oder für die etwas Frömmeren Nikoläuse aus Schokolade stehen, weiß ich, dass bald Advent und Weihnachten ist. Wenn ich in den Geschäften Osterhasen oder für die etwas Frömmeren Lämmer aus Schokolade sehe, weiß ich, dass bald Ostern ist. Jetzt ist Pfingsten: das drittgrößte christliche Fest. Und es fehlt jede süße Ankündigung.

Dabei gibt es durchaus ein Symbol aus der Pfingsttradition, das man gut als Schokoladenfigur anbieten könnte: die Taube. Aber vielleicht spüren selbst die gewieftesten Verkäufer, die fast alles in Geld umsetzen können, dass es in diesem Fall nicht funktioniert. Ein Fest, in dem sich alles um den Heiligen Geist dreht, kann nicht in eine Schokoladenform gegossen werden. Es widerstrebt dem Empfinden, ein hoch geistig aufgeladenes Symbol einfach aufzuessen. Die Taube steht zudem für den Frieden. Da Essen immer auch ein Akt der Zerstörung ist, passt es nicht, eine Friedenstaube zu verspeisen.

Die Pfingstsymbolik widersetzt sich der Kommerzialisierung. Das ist gut so. Darum wird Pfingsten nicht wie Weihnachten und Ostern beworben. Als Fest mit immateriellen Inhalt hat es Pfingsten schwer in einer Welt, die größten Wert auf das Sichtbare legt. Die Taube hat in einer Welt, in der vor allem Größe und Stärke zählen, keine große Attraktivität. Das ist schade.

Wenn der Heilige Geist wirklich die Kraft und Lebendigkeit Gottes repräsentieren soll, verwundert es schon, dass ausgerechnet die Taube zu seinem besonderen Symbol geworden ist. Man könnte sich eher einen majestätischen Adler oder zielsicheren Falken vorstellen. Die Taube ist eine leichte Beute. Sie passt jedoch zu den Gedanken des Friedens und der Versöhnung. Auch sie kann man leicht vertreiben. Doch die Sehnsucht nach dieser Sanftmut zum Leben wird den Menschen immer wieder neu anfliegen so wie die Tauben unsere Hausdächer.

Wir leben nicht von der Jagd auf andere, sondern von der Sorge füreinander. Diese Weichheit zeichnet den Heiligen Geist aus. Sie ist keine Schwäche sondern Voraussetzung zum Leben. Es bedarf großer Kraft, sich diese Weichheit zu erhalten. Deshalb heißt es in einem alten Pfingstgebet: „Ohne dein lebendig Wehn, kann im Menschen nichts bestehn, kann nichts hell sein noch gesund“. Der Geist haucht Kühlung zu, schenkt Wärme und löst Erstarrung. Er wirkt auf unscheinbare und aufdringliche Weise. Wer ihn einlässt, erfährt Frieden und Heil.

In der jetzigen Zeit des Ukrainekrieges und der anhaltenden Pandemie brauchen wir den Heiligen Geist. Wir brauchen vor allem Tauben. Adler und Falken gibt es genug. Wir brauchen Menschen, die sich für den Frieden einsetzen und die sich um die kranken und schwachen Menschen sorgen. Wir brauchen keine Angsthasen, die vor jeder Schwierigkeit weglaufen. Wir brauchen keine Weihnachtsmänner, die zusammen mit Geschenken ihre eigenen Probleme bringen. Wir brauchen Pfingsten. Nach diesem leisen Fest sollten wir ganz laut rufen. Nach dieser unsichtbaren Wirklichkeit können wir unentwegt Ausschau halten.

Prior Bruno Robeck, OCist