Spiritueller Zwischenruf aus dem Kloster Langwaden „Ein Leben im Vagen“

Meinung | Langwaden · „In welche Richtung neigt sich die Waage?“ Diese Frage stellt sich bei vielen Themen, die die ganze Welt beschäftigen – auch unseren Kolumnisten aus dem Kloster Langwaden.

 Bruno Robeck ist Prior im Langwadener Zisterzienser-Kloster.

Bruno Robeck ist Prior im Langwadener Zisterzienser-Kloster.

Foto: Melanie Zanin

„Das Jahr steht auf der Höhe, die große Waage ruht.“ In diesen Tagen der Jahresmitte überkommt mich ein ähnliches Gefühl wie an den Tagen des Jahreswechsels. Am Jahresende spricht man gerne von der Zeit „zwischen den Jahren“. Auch wenn das neue Jahr noch nicht begonnen hat, so hat das alte bereits seine prägende Kraft verloren. Die Natur ruht. Der Mensch hat sich zurückgezogen. Er wartet darauf, dass es wieder wärmer und heller wird. Jetzt in der Jahresmitte steht die Natur auf dem Höhepunkt der Lebendigkeit.

Die kurzen Nächte lassen mich früher wach werden und mit frischer Kraft in den neuen Tag starten. Überall ist Grün zu sehen. Es herrscht eine eigentümliche Ruhe. Die Erntezeit steht bevor. Noch merkt man es kaum. Aber aus Erfahrung wissen wir, dass sich die Waage des Jahreskreises in die andere Richtung zu neigen beginnt.

„Kaum ist der Tag am längsten, wächst wiederum die Nacht. Begegne unseren Ängsten mit deiner Liebe Macht… Das Jahr lehrt Ab-schied nehmen schon jetzt zur halben Zeit. Wir sollen uns nicht grämen, nur wach sein und bereit…“ Dieses Kirchenlied gefällt mir. Es lädt ein, den natürlichen Jahreslauf bewusst zu erleben. Wem es gelingt, sich auf diesen Rhythmus einzulassen, dessen Leben gewinnt an innerem Halt und an der Bereitschaft, sich der Dynamik des Werdens und Vergehens zu stellen.

Solch eine Stabilität ist in der gegenwärtigen Zeit besonders wichtig, da vieles vage ist. Die Entwicklung der Corona-Pandemie lässt sich zur Zeit nicht eindeutig einschätzen. Manches deutet auf Entspannung hin, manches jedoch auch auf eine erneute Verschärfung der Pandemie. Wohin wird sich die Waage neigen? Sicher ist nur, dass die Pandemie noch nicht zu Ende ist, da die hohen Infektionszahlen und Krankenstände nicht normal sind. Ziemlich sicher ist auch, dass das Coronavirus uns irgendwann alle trifft. Von einer Selbstinfektion ist jedoch abzuraten. Hier sollten wir eher dem rheinischen Prinzip folgen: „Et kütt, wie et kütt“ – „aba ebendth ooch nich früher“, wie der Berliner ergänzen würde. Es wird in diesem Fall das Beste sein, sich der Dynamik des Lebens zu überlassen.

Größere Sorge bereitet mir zur Zeit der Ukrainekrieg und die dadurch aufgeheizte Stimmung zwischen Russland und vielen anderen Ländern. Wohin wird sich die Waage neigen? Werden die Kräfte, die Deeskalation, Diplomatie und Verständigung favorisieren, sich durchsetzen können oder werden sich die Kräfte, die auf Aggression und auf das Durchsetzen der eigenen Ziele um jeden Preis setzen, größeres Gewicht haben? Auch wenn es in unseren Breiten wirtschaftlich ungemütlich werden wird, so fühlen wir uns doch immer noch relativ sicher und glauben nicht an eine Ausdehnung des Ukrainekrieges auf andere Länder. Aber haben wir früher nicht auch schon geglaubt, dass Russland das mühsam erschaffene politische und wirtschaftliche Gleichgewicht nicht aufs Spiel setzen wird? Es bleibt also offen, ob sich die Waage zur Beendigung oder zur Ausbreitung des Krieges neigt.

Wir leben wahrlich in Zeiten, in denen man sein inneres Gleichgewicht leicht verlieren kann. Umso wichtiger ist es, nach Ankerpunkten der Seele Ausschau zu halten. Mir hilft es, mich bewusst auf die Rhythmen der Natur einzulassen, die Mitmenschen wahrzunehmen und offen zu bleiben für den lebendigen Gott. Dann kann ich auch nach außen wirken.

P. BRUNO ROBECK OCIST