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Grevenbroich: Interview mit Ulrich Herlitz "Der Holocaust begann in der Nachbarschaft"

Geschichtsverein Grevenbroich : „Der Holocaust begann in der Nachbarschaft“

Ulrich Herlitz ist Vorsitzender des Geschichtsvereins Grevenbroich. Schon seit vielen Jahren erforscht er die Geschichte der jüdischen Familien in seiner Heimatstadt. Und er setzt sich für das Verlegen von Stolpersteinen ein.

Wie viele Stolpersteine gibt es in Grevenbroich und wie viele kamen am Freitag hinzu?

Ulrich Herlitz Bislang gab es 64 Stolpersteine, die an 64 Menschen erinnerten, die im Holocaust oder durch die Folgen der Nazi-Barbarei ums Leben kamen. Am Freitag kamen zehn Stolpersteine hinzu – in Hülchrath, in Grevenbroich-Mitte und in Gindorf.

Worin besteht Ihre Arbeit?

Herlitz In Grevenbroich und seinen Ortsteilen setzen sich viele unterschiedliche Menschen für das Projekt der Stolpersteine ein – und verhindern so, dass die Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus vergessen werden. Das sind manchmal Handwerksbetriebe, die eine Patenschaft für einen Stolperstein in der Nähe ihres Firmensitzes übernehmen. In Hülchrath, als Beispiel, ist die Dorfgemeinschaft sehr aktiv. Über den Geschichtsverein versuchen wir, all diese Initiativen zu bündeln und diese dann der Stadt vorzulegen. Die informiert jeweils die Hausbesitzer.

Warum ist es Ihnen wichtig, dass stets neue Stolpersteine verlegt werden?

Herlitz Durch die vielen Initiativen haben wir weit mehr Vorschläge, als Gunther Demnig bewältigen kann. Ich persönlich finde es wichtig, dass das Erinnern an den Holocaust Namen und Gesichter hat. Vor allem, weil in der jüngeren Vergangenheit Hass, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus wieder zugenommen haben. Und erschreckenderweise manchmal bis mitten hinein in die Gesellschaft Anhänger finden.

Also sollten wir weiter gedenken?

Herlitz Eindeutig ja. Der Holocaust begann im Kleinen – mit der Ausgrenzung in der Nachbarschaft. Mit Hass und Gewalt gegen die Nächsten. Und da helfen uns unter anderem die Stolpersteine, uns immer wieder daran zu erinnern. Aus meinen Kontakten mit den Nachkommen der Holocaust-Opfer weiß ich, dass Deutschland heute vielfach als sicherer Ort, als gefestigte Demokratie angesehen wird. Dazu haben wir alle beigetragen.