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Grevenbroich: In der Fahrschule testet unsere Autorin, ob sie nach 30 Jahren die Fahrprüfung noch bestehen würde

Selbstversuch mit einem Fahrlehrer : Fahrprüfung nach mehr als 30 Jahren

Im Selbstversuch nach 30 Jahren Fahrpraxis noch einmal wie eine Anfängerin mit dem Fahrlehrer in Grevenbroich unterwegs.

Grevenbroich Immer mehr junge Leute schaffen die Fahrprüfung nicht. „Früher kamen die Leute mit 12 Fahrstunden hin. Jetzt liegt die Zahl locker zwischen 25 und 35“, sagt Michael Hoffmann.

Der Mann muss es wissen, seit 1989 arbeitet er in seinem Beruf. Oft sei es ein Kommunikationsproblem, das im Falle eines ungewöhnlichen arabischen Dialekts nicht einmal per Dolmetscher gelöst werden kann. Wie aber schlägt sich ein Kandidat, der seit 30 Jahren die verschiedensten Vehikel lenkt, vor den strengen Augen des Fahrprüfers bei einer nur zum Schein stattfindenden Fahrprüfung?

„Als erstes stellen wir den Sitz korrekt ein“, sagt Hoffmann über den weich gepolsterten Platz von dem aus ich perfekte Sicht nach vorne, hinten sowie auf Rück- und beide Außenspiegel habe. Auch die Hände hängen nicht irgendwo am Steuer, sondern bilden die analoge Uhrzeit „viertel vor Drei“ ab. Der gurt ist selbstverständlich, sonst ertönt ein grauenvolles Gepiepe.

„Dann fahren Sie mal los“, das lasse ich mir nicht zweimal sagen und erinnere mich, dass Stopp-Schilder mit einem absolutem Stillstand aller Räder zu begegnen sind, rechts vor links seit Jahrhunderten gesetzt ist und innerstädtisch 50/km - bis auf beschilderte Ausnahmen - gilt.

. Die größte Sorge von Anfängern, die er und die 12 Kollegen schon mal daran erinnern müssen, dass sie zur ersten Fahrstunde „nicht rechts, sondern links einstreigen müssen“, liegt darin, „das Auto beim Anfahren abzuwürgen oder einen Unfall zu verursachen“. Munter plaudern wir, Hoffmann erlebt mit seiner Lizenz zum permanenten Beifahren allerlei Kurioses, eine 80-Jährige beispielsweise, die zehn Jahre zuvor aus Gründen der Altersuntauglichkeit ihren gültigen Führerschein abgegeben hatte und nun nach dem Tod ihres Mannes dessen Luxuslimosine wieder chauffieren wollte. „Ein hoffnungsloser Fall“, erinnert sich der erprobte Lehrer an unendlich viele erfolglose Fahrstunden. „Tun Sie sich bitte selbst einen Gefallen und fahren Sie Taxi“, empfahl er der Dame nach der gefühlt hundersten Stunde ohne Fortschritt.

Angeregt über die inzwischen in jedem Lehrauto eingefügten Finessen wie Einparkhilfen plaudernd führt mein Weg als Wagenlenkerin durch das Herz der Schlossstadt, vorbei an Ampeln, unbeschilderten Kreuzungen, über Abbiegerspuren, Bahn- und Fußgängerüberwege sowie über gerade Strecken. Ich setze rechtzeitig den Blinker, habe Tacho und Restwelt gleichermaßen im Blick und genieße die Fahrt.

„Ja“, sagt Michael Hoffmann am Ende unserer kurzweiligen Tour, „man merkt, dass Sie schon lange Autofahrerin sind“, holt er Luft, um mit mir den Fehlerkatalog durchzugehen: Generell bin ich zu schnell unterwegs, vor allem in unübersichtlichen Kurven ist „wesentlich mehr Vorsicht geboten“, schließlich kann niemand voraussehen, ob sich hinter der Abbiegung nicht etwa der Straßenverkehr staut. Auch das Andreaskreuz stünde nicht bloß zur Zierde vor dem Bahnschienen, „langsam ranfahren, kurzer Blick nach rechts und links und zügig drüber“, lautet die Vorgabe für alle zukünftigen Begegnungen. An Empathie im Sinne eines „Mitdenkens, was die anderen Straßenverkehrsteilnehmer angeht“, mangele es mir nicht, umsichtig hätte ich Radler und Passanten ebenso im Auge wie andere Autos, „Aber den Schulterblick, den müssen wir mal dringend üben“. Ein-zwei Übungsstunden „und Sie würden die praktische Prüfung auch diesmal hochoffiziell schaffen“, nickt er mir anerkennend zu. Übrigens sei mein Fahrstil „typisch für Autofahrer mit langer Praxiserfahrung“, ich sei in bester Gesellschaft mit allen anderen, die er dann beim Punkteabbau-Seminar wiedersähe. Da säßen dann die Kandidaten, die vor allem wegen zu schnellen Fahrens die berühmten Eintragungen in Flensburg gesammelten hätten.