Debatte nach rassistischem Gegröle Grevenbroicher DJ will „L’Amour Toujours“ weiter spielen

Grevenbroich · An Pfingsten haben Partygäste auf Sylt zur Melodie des 90er-Hits unter anderem „Ausländer raus“ gegrölt. Für die Wiesn wurde der Song nun auf den Index gesetzt. Der Grevenbroicher DJ Marc Pesch will das Lied auf seinen Veranstaltungen weiterhin spielen – aber wachsam sein.

Bei den „90s only“-Partys will der Grevenbroicher DJ Marc Pesch weiterhin auch den Song „L’Amour Toujours“ spielen. Die Partys erfreuen sich großer Beliebtheit.

Bei den „90s only“-Partys will der Grevenbroicher DJ Marc Pesch weiterhin auch den Song „L’Amour Toujours“ spielen. Die Partys erfreuen sich großer Beliebtheit.

Foto: Marc Pesch

Das Lied „L’Amour Toujours“ ist eigentlich auf jeder Party ein Garant für gute Stimmung: ein flotter Song mit einprägsamer Melodie, die jeder mitsummen kann. Auf der Nordseeinsel Sylt aber haben junge Gäste einer Party am zurückliegenden Pfingstwochenende ihren ganz eigenen Text über die Melodie des 90er-Jahre-Hits gelegt. Sie sangen dazu unbeschwert „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ – und haben sich dabei gefilmt. Vergangene Woche ist das Party-Video öffentlich geworden und viral gegangen. Es hat einen Skandal ausgelöst. Sogar Bundeskanzler Olaf Scholz bezeichnete die Parolen in einem Posting auf der Plattform „X“ (früher Twitter) als „eklig“ und „nicht akzeptabel“.

In den vergangenen Tagen ist in Folge der Ereignisse auf Sylt eine Debatte darüber entbrannt, wie nun mit dem 1999 veröffentlichten Song des italienischen DJs Gigi D’Agostino umzugehen ist. Wobei sich der Song und dessen Text (gesungen von einem britisch-nigerianischen Sänger) nicht mit rechtsradikalem Gedankengut in Verbindung bringen lassen. In Reaktion auf das rassistische Gegröle von Sylt hat der Künstler Gigi D’Agostino noch einmal klargestellt, dass es in seinem Werk vielmehr um Liebe und Gemeinschaft geht, um ein „wunderbares, großes und intensives Gefühl, das die Menschen verbindet“.

Weil der Song offenbar aber immer häufiger für rechtsradikale Parolen missbraucht wird, setzen erste Veranstalter das Stück auf den Index. So hat der Chef der Münchner Wiesn dem „Bayerischen Rundfunk“ gesagt, dass „L’Amour Toujours“ beim Oktoberfest nicht gespielt wird – „weder im Zelt, noch sonst irgendwo“, wie Clemens Baumgärtner dort in einem Beitrag zitiert wird. Auf dem größten Volksfest der Welt ist der Song dieses Jahr also tabu.

Bei einer Mahnwache auf Sylt haben am Sonntag mehr als 100 Menschen ein Zeichen gegen Rassismus gesetzt.

Bei einer Mahnwache auf Sylt haben am Sonntag mehr als 100 Menschen ein Zeichen gegen Rassismus gesetzt.

Foto: dpa/Lea Sarah Albert

Der Grevenbroicher DJ und Veranstalter Marc Pesch, der seit 1991 auf Partys auflegt, würde für seine Veranstaltungen nicht so weit gehen. Er sagt: „Selbstverständlich spiele ich das Lied weiterhin.“ Es komme immer wieder vor, dass Songs umgedichtet werden. „Dafür gibt es diverse Beispiele. Bis hin zum Song von Pipi Langstrumpf“, sagt Pesch. „L’Amour Toujours“ sei auch 25 Jahre nach der Veröffentlichung immer noch ein beliebter Titel, nicht zuletzt bei den von Pesch organisierten „90s only“-Partys, bei denen auch im Rhein-Kreis Neuss immer wieder mehrere Tausend Menschen feiern, zuletzt in Dormagen.

„Ich spiele dieses Lied wahrscheinlich schon seit 1999. Und mal ehrlich: Wir leben doch nicht nur unter Idioten“, findet Marc Pesch deutliche Worte. Er findet das Verhalten der Party-Gäste auf Sylt geschmacklos, hält es aber für übertrieben, in Folge des Fehlverhaltens Einzelner nun ein Verbot des ganzen Songs zu fordern. Der Tenor: Wenn „L’Amour Toujours“ jetzt verboten wird, müsste vielleicht schon in ein paar Wochen der nächste Song verboten werden – nur weil irgendwer eigene (möglicherweise unangemessene) Textpassagen dazudichtet.

Der Grevenbroicher DJ und Veranstalter Marc Pesch.

Der Grevenbroicher DJ und Veranstalter Marc Pesch.

Foto: Albuquerque Carlos (CA)

Der Grevenbroicher will die Gäste, die in dem auf Sylt entstandenen Videoclip grölen, nicht in Schutz nehmen. Er geht aber davon aus, dass dort ein geschmackloses „Augenblicks-Verhalten“ zu sehen ist. Tatsächlich soll sich einer der Betroffenen entschuldigt und angekündigt haben, die rechtlichen Konsequenzen zu tragen. Der Staatsschutz der Polizei ermittelt in dem Fall, es steht unter anderem der Vorwurf der Volksverhetzung im Raum. Weitere Menschen, die in dem Video zu sehen sind, haben Medienberichten zufolge ihren Job verloren.

Wenn Marc Pesch den Song auf einer der nächsten Partys spielt, will er wachsam sein. „Szenen wie die auf Sylt will niemand auf seiner Veranstaltung sehen. Wenn ich als DJ merke, dass eine größere Anzahl von Menschen zu dem Song rechtsradikal grölt, würde ich das Lied abbrechen und den Sicherheitsdienst informieren. Aber das hat nichts mit dem Lied an sich zu tun.“ Gleichwohl, sagt Pesch, gibt es auch Situationen, in denen Feingefühl gefragt ist. Würde Deutschland etwa Fußball-Europameister werden, würde er „L’Amour Toujours“ in der jetzigen Situation nicht unmittelbar nach dem Finale spielen.

Die Debatte um den Song ist bei Weitem nicht die erste, die ein Lied betrifft. So war etwa 2022 eine große Kontroverse um den Partyschlager „Layla“ entbrannt. Den Künstlern war mit Blick auf die „Puff-Mama“, um die es in dem Song geht, Sexismus vorgeworfen worden. Das Spielen des Ballermann-Songs war auch von den Veranstaltern der Düsseldorfer Rheinkirmes untersagt worden. DJ Marc Pesch, der damals in einem Zelt auf der Rheinkirmes auflegte, hat „Layla“ trotzdem gespielt – allerdings nur in einer Instrumentalversion ohne Gesang. Trotzdem sorgte Peschs Entscheidung, die er als Kompromiss bezeichnete, bundesweit für Schlagzeilen. „Das ist ein Song mit einem Schwachsinns-Text, den man aber gerne mitsingt. Ich habe voll dahintergestanden, das Lied trotzdem zu spielen“, sagt Pesch knapp zwei Jahre danach.

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