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Grevenbroich: Die Zeit der großen Geschichten

Kolumne: Spiritueller Zwischenruf : Die Zeit der großen Geschichten

Die Weihnachtszeit ist die Zeit der großen Geschichten. Der Langwadener Zisterzienser-Prior Bruno Robeck hat einen ganz eigenen Story-Favoriten. In dem spielt ein kleiner Wirt eine große Rolle.

Die Weihnachtszeit ist immer auch eine Zeit der großen Geschichten. Dabei geht es nicht um Dramen der Menschheitsgeschichte, auch nicht um Pandemien. Es geht um das Gute im Menschen, das im Kleinen wächst und wärmt. Ohne die große Weihnachtsgeschichte, die die Bibel erzählt, wären unsere großen Weihnachtsklassiker gar nicht entstanden – angefangen von der romantischen Erzählung Peter Roseggers „Als ich die Christtagsfreude holen ging“ bis hin zur gesellschaftskritischen „Christmas Carol“ von Charles Dickens.

 Prior Bruno Robeck aus dem Kloster Langwaden.
Prior Bruno Robeck aus dem Kloster Langwaden. Foto: Melanie Zanin

Die Ur-Weihnachtsgeschichte, die so viele Autoren inspirierte, konnte man in der Heiligen Nacht wieder hören oder selbst im Lukasevangelium nachlesen: „Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen. Maria wickelte ihren Erstgeborenen in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war… Als die Engel von den Hirten in den Himmel zurückgekehrt waren, eilten die Hirten hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag.“

Für die Evangelisten ist es wichtig, dass ihre Geschichte in der großen wirklichen Weltgeschichte stattfindet. Sie ist nicht erfunden, sondern in die Zeitgeschichte eingebettet. Darum nennt das Lukasevangelium den Kaiser Augustus und den Statthalter Qurinius. Darum entfaltet das Matthäusevangelium den Stammbaum Jesu. Die Ahnenreihe Jesu soll nachvollziehbar sein. Er fällt gerade nicht einfach vom Himmel. Man kann über Jesu Geburtsgeschichte nur staunen – oder auch erschrecken, wenn man an den Kindermord von Bethlehem denkt.

Bis heute verändern das Weihnachtsfest und die -geschichten die Menschen. Es gibt eine kleine Erzählung, die mich seit vielen Jahren begleitet. Sie geht ungefähr so: Im Kindergarten der Sankt-Rochus-Gemeinde wird für das Krippenspiel geübt, das wegen der Coronapandemie als Internetvideo aufgenommen wird. Die besten Rollen sind schnell vergeben. Für den kleinen Owie bleibt nur die Rolle des Wirtes übrig, der das herbergssuchende Paar abweisen muss. Die Probe beginnt. Maria und Josef machen sich auf den Weg und klopfen beim Wirt an. Owie öffnet seine Wirtshaustür und sagt strahlend: „Ja, kommt rein. Wir haben noch Platz.“ Die Kindergärtnerin bricht ab: „Owie, du musst sagen: ‚Wir haben keinen Platz. Zieht weiter. Vielleicht ist im Stall noch Platz‘“.

Zweiter Versuch. Josef klopft an die Tür und Owie freut sich wieder über die Gäste: „Kommt rein“. Die Kindergärtnerin versucht, Owie seine Rolle als Wirt zu erklären. Der nickt. Aber auch der dritte Versuch scheitert. Da bricht Owie in Tränen aus: „Ich kann das nicht. Ich kann Maria und Josef doch nicht in der Kälte stehen lassen!“ Jetzt wird der Kindergärtnerin klar, dass Owie eine andere Rolle braucht. Er wird dem Engelsheer zugesellt. Dort strahlt er und singt aus vollem Halse: „Stille Nacht, heilige Nacht“. Den Wirt wollte beim Krippenspiel niemand spielen. „Der ist doof“, sagten alle Kinder. Ohne den Wirt wurde die Geschichte natürlich etwas schräg, aber noch viel schräger ist doch unsere reale Geschichte, in der es so viele Menschen wie den Wirt gibt. Prior Bruno Robeck, OCist