Grevenbroich: Der letzte Schichtführer im Kraftwerk Frimmersdorf

Menschen im Revier : Der letzte Mann im Kraftwerk

Als letzter Schichtführer im Kraftwerk Frimmersdorf wacht Rolf Hopf über eine „Geisterstadt“, die aber für die Sicherheitsbereitschaft noch bis 2021 technisch gewartet, kontrolliert und sogar geheizt werden muss. Er hat in der Steinkohle begonnen und in der Braunkohle immer seine Zukunft gesehen.

Einsam ist es geworden für Rolf Hopf im Kohlekraftwerk Frimmersdorf, das jetzt mit der Sicherheitsbereitschaft in einen „Dornröschenschlaf“ versetzt worden ist. Bis zum Jahr 2021 kann das Kraftwerk zwar noch wieder zeitweilig hoch gefahren werden, wenn es einen akuten Versorgungsengpass in der Stromversorgung geben sollte. Danach werden die übrig geblieben Kraftwerksblöcke „Paula“ und „Quelle“ stillgelegt und zurückgebaut. Schon jetzt wacht Rolf Hopf als „Produktionsleiter ohne Produktion“ über die Geisterstadt der 500 Meter langen leergeräumten ehemaligen Haupthalle des Kohlekraftwerks. Die großen roten Nullen auf der elektronischen Anzeigewand im Kraftwerksleitstand dokumentieren, dass die Stromproduktion zum Stillstand gekommen ist.

Doch null Produktion bedeutet nicht gleich auch keine Arbeit mehr im Kraftwerk für Hopf und seine letzten 23 Mitarbeiter, die nach wie vor im Schichtbetrieb Dienst tun. Sie müssen die Anlage noch betriebsfähig halten, regelmäßig warten und sogar heizen: „Vorher, als hier noch Kohle verfeuert wurde, war es warm genug. Für die Sicherheitsbereitschaft musste erst eine Heizung eingebaut werden, damit die Rohre im Winter nicht einfrieren“, erläutert Rolf Hopf. Auch kommt weiterhin einmal im Jahr der TÜV. Denn im Notfall müsste das Kraftwerk binnen zehn Tagen wieder hochgefahren werden können. Dazu würde Rolf Hopf die ehemaligen Frimmersdorfer Kraftwerker, die jetzt in Neurath untergekommen sind, an ihren alten Arbeitplatz zurückbeordern. Doch er vertraut nicht alleine darauf, dass die Ehemaligen noch jeden Handgriff kennen, wie sie das komplexe „Gesamtkunstwerk Paula und Quelle“ wieder „ans Laufen“ bekämen. Die Zeit „in der Geisterstadt“ nutzt Rolf Hopf, wenn er nicht gerade auf Kontrollgang ist, auch für eine umfangreiche Dokumentation. So hat er damit begonnen, alle nötigen Arbeitsschritte für eine mögliche Wiederinbetriebnahme mit Fotos, Texten und sogar Anleitungsvideos festzuhalten.

Null Produktion zeigt der Leitstand im Kraftwerk an. Foto: Gundhild Tillmanns

Für den 60-Jährigen geht mit dem Ende der Sicherheitsbereitschaft im Kraftwerk Frimmersdorf auch sein Berufsleben bei RWE und in der Kohle zu Ende: „Es kommt gut aus, dass ich mit dem Ende hier in Frimmersdorf auch in Rente gehen kann“, sagt er mit ein wenig spürbarer Wehmut. Denn Rolf Hopf kommt aus einer Familie, die sogar noch von der Steinkohle und später eben von der Braunkohle gelebt hat. Er selbst hat in seiner Jugend drei Monate in der Steinkohle gearbeitet und den harten Alltag unter Tage auch durch seinen Vater miterlebt. „Ich habe dann Elektriker gelernt und selber eine Familie gegründet. Damals hat es geheißen: ‚Bei RWE hast du eine Zukunft.’ Deshalb habe ich mich dann für die Arbeit in der Braunkohle entschieden“, berichtet er.

Das habe er bis heute nicht bereut, fügt der 60-Jährige hinzu, der in seinem Berufsleben die betriebseigenen Qualfizierungs- und Aufstiegschancen genutzt hat, wozu auch ein „Gastspiel“ in der Essener Unternehmenszentrale gehört hatte. Zum Blockmeister, Schichtführer und Produktionsleiter mit der Verantwortung für 140 Mitarbeiter stieg er mit den Jahren auf.

Doch nicht selten galt es auch Krisen zu meistern, wenn sich Kohlegegner durchaus mit einiger Tücke gewaltsam Einlass ins Kraftwerksgelände verschafften und versuchten, die Stromproduktion lahm zu legen. So wird Rolf Hopf seinen Kindern und Kindeskindern noch von der spektakulären und gefährlichen Besetzung eines Kraftwerkskamins durch Greenpeace-Aktivisten in den 1990er Jahren zu erzählen wissen. Auch solche Erinnerungen kommen hoch, wenn Rolf Hopf seinen Helm aufsetzt und wieder einmal alleine und nachdenklich einen Kontrollgang durch das verlassene Kraftwerk unternimmt.

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