1. NRW
  2. Städte
  3. Grevenbroich

Grevenbroich: Der große Wunsch nach Freiheit

Spiritueller Zwischenruf : Der große Wunsch nach Freiheit

Wer seine Freiheit fordert, darf diejenigen nicht vergessen, die zu schwach sind und keine Lobby haben, meint Bruno Robeck, Prior des Zisterzienserklosters in Langwaden, in seiner wöchentlichen Kolumne.

Für die meisten ist die Urlaubszeit schon wieder vorbei. Meine Ferien haben erst begonnen. Zur Erholung sind für uns Deutschen die Bewegungsfreiheit und Wahl des Reiseziels wichtig. Der ein oder andere ist in eine als Risikogebiet eingestufte Region gefahren. Er fand das meist nicht problematisch, auch wenn er eventuell Probleme in seine Heimat mitgebracht hat. Von der Möglichkeit abgesehen, andere Menschen mit dem Coronavirus anzustecken, braucht er gegebenenfalls selbst massive medizinische Intervention, falls er sich infiziert haben sollte. Die Freiheit hat solch einen hohen Stellenwert, dass niemanden verboten werden darf, sich selbst zu gefährden und andere eventuell ebenfalls in Mitleidenschaft zu ziehen. Selbst wenn jemand sich wissentlich schädigt, muss ihm geholfen werden. Das ist ein großer Anspruch, den jeder einfordern kann.

Zwei Fragen sollten wir uns jedoch in diesem Zusammenhang stellen. Erstens: Kann ich es verantworten, meine Freiheit bedingungslos auszuleben, auch wenn andere dadurch belastet oder gar gefährdet werden? Und zweitens: Was machen wir mit den Menschen, die ihre Freiheit nicht ausleben können, weil ihnen die körperliche Kraft oder die finanziellen Mittel fehlen? Haben sie einfach nur Pech gehabt? Gerade in dieser zweiten Frage entdecke ich, dass nicht alle Menschen die gleichen Voraussetzungen haben, ihre Freiheit zu leben.

Es gibt die Gruppe derer, die sich in ein Flugzeug setzen und hinfliegen, wohin sie wollen. Sie können sich das leisten, sind körperlich beweglich genug. Was machen jedoch die alten und kranken Menschen, die ihre Wohnung oder das Seniorenheim nicht verlassen können? Nichts. Sie sind zum Nichtstun und stillen Ertragen verurteilt, weil sie oft weder körperlich noch finanziell in der Lage sind, ihren Wohnort zu verlassen. Sie können sogar nur sehr eingeschränkt Angehörige oder Freunde sehen. An ihrer Situation ist besonders gemein, dass ihnen niemand die Freiheit genommen hat – solch ein aktives Eingreifen hätte keiner gewagt –, es wurde ihnen einfach nur nicht zur Freiheit verholfen. Wenn sie sich selbst nicht helfen können, müssen sie bleiben, wo sie sind.

Mir liegt es fern, verschiedene Menschengruppen gegeneinander auszuspielen. Ich möchte auch keine pauschale Kritik an der Vorgehensweise der Alten- und Pflegeheime üben. Ich finde es jedoch nicht richtig, wenn wir nur auf die schauen, die lauthals ihre Freiheit einfordern, und die vielen Menschen vergessen, die zu schwach sind und keine Lobby haben.

Und ich möchte darauf aufmerksam machen, dass es die „große Freiheit“ nicht gibt. Früher oder später wird jeder merken, dass er begrenzt ist – spätestens wenn ihm bewusst wird, dass ihm bei einem anderen Lebenswandel manche Krankheit und mancher Bruch im Leben erspart geblieben wäre. Er wird dann seinen Preis dafür zahlen müssen, wie er gelebt hat. Als Christ bin ich ein unbedingter Freund der Freiheit, aber nicht nur meiner eigenen Freiheit, sondern der aller Menschen. Dies beschränkt meine Freiheit wieder – oder besser gesagt: bettet sie ein in den Kontext der Mitmenschen. Und es sensibilisiert mich für die Schwachen, die auf meinen unverstellten Blick und meine freiwillige Hilfe angewiesen sind. Prior Bruno Robeck, OCist