Grevenbroich: Der Elsener Altar - ein östliches Gesamtkunstwerk

Gastautor Meik Schirpenbach : Der Elsener Altar – ein österliches Kunstwerk

Der barocke Hochaltar kam durch einen Glücksfall nach Elsen. Geschaffen wurde er von einem Aachener oder Lütticher Meister.

Es war ein Glücksfall für Elsen, dass im südlimburgischen Bunde bei Maastricht 1960 eine größere Kirche in Betrieb genommen wurde und der barocke Hochaltar des alten Gotteshauses nicht mehr gebraucht wurde. So wurde er für Elsen entdeckt und gekauft. Dort gab er endlich dem barocken Raum das, was er braucht: Einen optischen Zielpunkt, denn darauf ist eine Barockkirche ausgerichtet. Ohne einen solchen Altar ist eine Barockkirche nur ein hohler Zahn.

Der Altar selbst ist von einem Aachener oder Lütticher Meister in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts erbaut worden. Altäre in diesen ausgewogenen, aber dynamischen Formen befinden sich im Aachen-Lütticher Raum häufig, besonders in der Stadt Lüttich und in Ostbelgien. Damals waren die Sprachgrenzen unbedeutend, und die rheinische Region bildete mit weiten Teilen des heutigen Belgien und der Niederlande einen Kulturraum. Im Plattdeutschen sowie auf Französisch konnten sich die Menschen problemlos verständigen.

In den Altar eingebaut wurde die Figurengruppe des gekreuzigten Jesus mit Maria und Johannes, die schon in dem alten Hochaltar der Elsener Kirche von 1718 stand, welcher aber nach der Erweiterung nach 1896 entfernt wurde. Manche Menschen empfinden Barock als theatralisch. Das ist Absicht. Es handelt sich tatsächlich um eine Theater- oder Bühnenarchitektur, die das Drama vor Augen führen will, das sich im menschlichen Leben abspielt: Das Ringen um die Liebe, die aus Gott kommt und mit Gott identisch ist, und das angesichts der Wirklichkeit von Leid, Gewalt, Aggression und Tod.  Für Christen hat letzteres nichts mit Gott zu tun, sondern kommt aus dem unfertigen Zustand des Menschen und der Welt, die weiter der Evolution unterworfen sind. Der Tod Jesu, an den sich Christen an Karfreitag erinnern, steht dafür, dass Gott durch Jesus diese Abgründe selbst durchlebt hat. Ostern bedeutet, dass diese göttliche Liebe letztlich stärker ist.

Der Barockaltar möchte vor Augen führen, dass sich dieses Drama bis heute in jedem menschlichen Leben abspielt und er möchte motivieren, selber der göttlichen Liebe zu vertrauen. Der Altar sagt: Dieser Kampf zwischen Liebe und Tod wird auch in Deinem Leben am Ende gut ausgehen.  Deshalb ist das Kreuz mit Jesus daran in Elsen kein Horrorbild, also keine realistische Darstellung eines leidenden Menschen, sondern strahlt Ruhe und Frieden aus, um den Menschen angesichts der rauen Wirklichkeit Mut zu machen.

Was in der Bibel steht, sind keine vergangenen Geschichten, sondern Ereignisse, die sich im Leben jedes Menschen heute abspielen. Der Hochaltar will zeigen: Du bist Teil dieser Geschichte. Das spielt in deinem Leben. Deshalb sind die Figuren lebensgroß.  Hinter der Kunst des Barock steht das sogenannte Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola, des Gründers der Jesuiten. Er sagt, dass man sich die Szenen der Bibel bildlich vorstellen muss und sich selbst da hineinbegeben kann, um etwas über sich selbst und über Gottes Wirken im eigenen Leben zu begreifen.

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