Grevenbroich: Als der Tagebau noch in Gustorf war

Das Westfeld wurde vor 70 Jahren aufgeschlossen : Als der Tagebau noch in Gustorf war

Vor 70 Jahren entstand am Ortsrand von Gustorf und Gindorf eine Braunkohlegrube. Mit dem Tagebau erhielt die Stadt Grevenbroich auch einen neuen Berg. Der Abraum wurde über Jahre hinweg zwischen Allrath und Neuenhausen abgekippt, so entstand die Vollrather Höhe.

An das große Schild, das einst an der Provinzstraße stand, kann er sich noch gut erinnern. „,Erbaut mit Marshall-Geldern’ war darauf zu lesen“, berichtet Peter Zenker. Das Plakat wies auf den Tagebau Westfeld hin, der damals entlang der Häuser von Gindorf und Gustorf aufgeschlossen wurde. Das war 1949, also vor 70 Jahren. Und Peter Zenker war noch ein Kind aus einer Bergmanns-Familie, gerade mal zehn Jahre alt.

Der Marshallplan wurde nach dem US-Amerikaner George C. Marshall benannt, der 1947 einen Wiederaufbauplan für das kriegszerstörte Europa entwarf. Deutschland bekam seinerzeit 1,4 Milliarden Dollar – ein Teil des Geldes floss in den Tagebau Westfeld, der von Frimmersdorf aus aufgeschlossen wurde. Peter Zenker hat die Geschichte dieser Grube gut recherchiert und wird – garniert mit Kindheits- und Jugenderinnerungen – darüber am Donnerstag, 10. Oktober, in der Villa Erckens berichten. Sein Vortrag im Rahmen des Geschichtsverein-Programms beginnt um 20 Uhr, der Eintritt ist frei.

Hier war damals eine Braunkohle-Grube: Vom ehemaligen Tagebaubetrieb ist am Ortsrand von Gindorf und Gustorf heute nichts mehr zu sehen. Foto: Archiv Peter Zenker

Zenkers Story beginnt 1947. Damals entschied sich die Niederrheinische Braunkohlewerke AG für den Aufschluss eines neuen Tagebaus, da die Kohlenachfrage in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg sprunghaft angestiegen war. „Im April 1950 wurde mit dem Bagger RS 500 das erste Großgerät im Westfeld in Betrieb genommen. Er schaffte 800 Kubikmeter Abraum in der Stunde“, schildert Peter Zenker, der bis zu seinem Ruhestand als Präsident des Oberbergamtes für das Land Brandenburg und Berlin agierte.

Die erste Kohle im Westfeld wurde 1952 zutage gefördert. Zuvor galt es, den für die Grube ausgebaggerten Abraum mit Hilfe von 100-Tonnen-Loks zum Pielsbusch zu transportieren, nach und nach entstand dort eine Hochhalde. „Sie hatte allerdings nur ein begrenztes Aufnahmevermögen von 37 Millionen Kubikmetern – und es gab keine Möglichkeit, sie zu erweitern“, berichtet Peter Zenker. Deshalb musste ein neuer Ort her. Gefunden wurde er auf dem Grund und Boden des Gutes Vollrath.

Fast die gleiche Perspektive wie das vorherige Foto. Nur mit dem Unterschied, dass in unmittelbarer Nähe der Häuser früher die ehemalige Grube Westfeld verlief. Foto: Archiv Peter Zenker

Auf einer Fläche von 439 Hektar wurden dort bis 1968 insgesamt 268 Millionen Kubikmeter abgekippt, dazu auch einige 100.000 Kubikmeter Kraftwerksasche. Am Stadtrand von Grevenbroich entstand ein neuer „Berg“, die 165 Meter hohe Vollrather Höhe. An das dort ehemals stehende Gut erinnert heute noch ein Gedenkstein.

Das Ende für den Gustorf-Gindorfer Tagebau näherte sich Anfang der 70er Jahre. „Damals wurde aus Anlass einer vorgesehenen Erhöhung der Kohleförderung von 20 bis 30 auf bis zu 50 Millionen Tonnen pro Jahr ein neues Abbaukonzept entwickelt“, schildert Peter Zenker. „Es sah einen Übergang in das westlich gelegene Abbaufeld ,Frimmersdorf West-West’ vor, das später Garzweiler genannt wurde.“

In seinem Vortrag wird Peter Zenker auch an die Orte erinnern, die mit dem Tagebau Westfeld verschwanden. Etwa an das im Jahr 1314 erstmals urkundlich erwähnte Reisdorf, das 1959 der Braunkohle zum Opfer fiel. Oder das Kloster Sankt Leonhard, das einst auf einer einsamen Waldeshöhe lag. Und eben an das ursprünglich aus dem Jahr 1300 stammende Gut Vollrath, das am 11. August 1954 abgerissen wurde.

Von dem ehemaligen Tagebau ist nichts mehr zu sehen. Am Ortsrand von Gustorf und Gindorf sind wieder – wie früher – große Flächen für die Landwirtschaft entstanden. Heute erinnert nur noch die Westfeldstraße an die alte Grube.

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