Genuss in Grvenbroich: Der Hundertjährige, der zu Kopfe steigt.

Genuss in Grvenbroich : Der Unantastbare aus den Zwanzigern

Mit dem Jahreswechsel beginnt ein neues Jahrzehnt. Gastronom und Whisky-Experte Werner Bielen-Hoffrichter sollte zu diesem Anlass ein besonderes Tröpfchen kredenzen. Er entschied sich für einen alten Zwetschgenbrand vom Main.

Ein Warnhinweis vorab: Das Lesen dieses Textes kann schwindelig machen! Denn es geht um Alkohol. Zur Feier des neuen Jahrzehnts zieht Werner Bielen-Hoffrichter (61) den (fast) Hundertjährigen, der langsam, aber mit Nachdruck in die Nase steigt. In diesem Fall ist es die „Wilde Zwetschge“, aufgewachsen, gepflückt und im Jahr 1924 destilliert in Freudenberg am Main, bei der Brennerei-Manufaktur Ziegler. Seitdem die dortige Brauerei im Jahr 1865 die staatlichen Brennrechte bekam, pflegen Inhaber und Mitarbeiter einen Brauch: Sobald ein Jahrgangsbrand besonders gut gelungen ist, stellen sie einen großen Glasballon des leckeren Stöffchens ins Antiquariat des kühlen Brauereikellers. Dort ruht der Brand und wird nur zu besonderen Anlässen wieder ans Tageslicht geholt.

Im Fall dieser speziellen „Wilden Zwetschge“ ist für 2024 eine Jubiläumsedition geplant. Auf die Silvesterfrage nach einem ganz besonderen Destillats hat Whisky-Bar-Betreiber Werner Hoffrichter kurz nachgedacht und sich dann seufzend von seiner schottischen Leidenschaft verabschiedet. Er greift in seinen privaten Barschrank und präsentiert den (eigentlich) Unantastbaren. Überreicht wurde ihm die Flasche von Ziegler-Geschäftsführer Ralf Henseleit anlässlich eines gemeinsamen Tastings auf der Nordsee-Insel Norderney. 53,7 Volumen-Prozent Alkohol verbinden sich mit dem eher feinen, zurückhaltenden Zwetschgen-Aroma zu einem Gesamtkunstwerk für Genießer. Millitröpfchenweise und mit halb geschlossenen Augen zu inhalieren. Spätestens wenn der rein theoretische Verkaufspreis des Hessen-Brandes aufgerufen werden würde. „Wie gesagt, es handelt sich um meine private Flasche“, sagt Hoffrichter, in der Bar würde das Kosten um die 35 Euro kosten. Bar und pro 2-cl-Pinnchen, versteht sich.

Natürlich gäbe es auch hundert Jahre alten Whisky – sagt der Mann, der vor 30 Jahren seine Leidenschaft für bernsteinfarbene Torf-Tröpfchen nach dem Kauf einer Flasche zehn Jahre alten Single Malt aus dem Hause Laphroaig für sich entdeckte und Schritt für Schritt kultivierte. Heute betreibt er eine Whisky-Bar Downtown in Grevenbroich Barrenstein, freut sich über die Auszeichnung „Beste Whiskey-Bar Deutschlands“ aus dem Jahr 2017/18, besitzt seit zehn Jahren die Schank-Konzession, gibt Tastings und nippt auch selbst an den kredenzten Spezialitäten.

„Der Genießer nimmt den Rausch billigend in Kauf“, sagt Werner Hoffrichter geradeheraus. Einen hundert Jahre alten Whisky („Whisky“ für schottische Malts, „Whiskey“ für irische oder US-amerikanische Produkte) hat Hoffrichter aber weder im Verkaufssortiment noch bei Tastings oder im speziell gesicherten Eck der Privatbar zur Verfügung. Das Preis-Geschmacks-Verhältnis stimme bei solchen Sammlerobjekten nicht, sagt er: „Ein solcher Whisky würde ein Vielfaches eines 21-jährigen Single-Malts kosten, aber nicht um das Vielfache besser schmecken“, urteilt der Experte.

Der Jahreswechsel sei durchaus geeignet, um eine Expedition in die Höhen schottischer Destillier-Kunst zu starten, meint Hoffrichter. Vorausgesetzt, man zelebriert den Abend. Mit Ruhe. Im kleinen schwarzen Schwarzen oder gediegenen Zweireiher. Denn zum Kippen seien die Tropfen viel zu schade. Bei einem Tasting übrigens serviert er jeweils fünf Portionen à zwei Centiliter. Und hat einen guten Draht zu örtlichen Taxiunternehmen. Denn der beste Genuss ist – auch 2020 – eine Genuss ohne Reue.