Grevenbroich: Frimmersdorf hat Zukunft

Grevenbroich: Frimmersdorf hat Zukunft

Mit Eberhard Uhlig wurde die Talk-Reihe auf dem blauen NGZ-Sofa in Grevenbroich fortgesetzt. Der Kraftwerkschef stellte sich in der Gutenberg-Buchhandlung den Fragen von Redaktionsleiter Ludger Baten.

Herr Uhlig, der größte deutsche unabhängige Stromanbieter Teldafax hat Insolvenz angemeldet. Was bewegt Sie bei einer solchen Nachricht?

Eberhard Uhlig Wir sind in einem anderen Geschäftsfeld, in der Erzeugung tätig. Deshalb bitte ich um Verständnis, dass ich mich zu dem Thema nicht äußern kann.

Im Wirtschaftsteil war zu lesen: RWE fürchtet sich vor einer feindlichen Übernahme. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Uhlig Die Frage, wie es in der Energieerzeugung in Deutschland nach dem beschlossenen Atomausstieg weitergeht, ist ein Thema, das alle in der Branche betrifft. Viele sind besorgt. Wir haben uns als Unternehmen an der Entscheidung der Bundesregierung auszurichten. Das steht außer Diskussion. Was uns Sorgen macht, ist die Art, wie es zu der Entscheidung gekommen ist.

Darauf werden wir gleich intensiver eingehen. Ich will erst einmal nach dem Menschen Eberhard Uhlig fragen. Wie wird man Kraftwerksdirektor? Was war ihr Berufsziel?

Uhlig Für mich stand früh fest, dass ich in den naturwissenschaftlich-technischen Bereich gehen wollte, und ich wollte in die Forschung. Ich habe in Aachen und in den USA studiert, habe am Forschungszentrum in Jülich gearbeitet.

Wie kamen Sie dann zu RWE?

Uhlig Mir stand 1990 die Welt offen. Ich haben mich bei sieben Unternehmen beworben und hatte überall Zusagen. RWE war der größte Stromerzeuger mit dem größten Potenzial. Ein klein wenig hat zur Entscheidung auch beigetragen, dass meine Frau damals in Wuppertal arbeitete – das war nicht weit von der Konzernzentrale in Essen. 1992 wurde ich technischer Leiter im Kraftwerk Frimmersdorf.

Kraftwerksdirektor in Grevenbroich wurden Sie aber nach einem Abstecher nach Ungarn, als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Matra-Kraftwerke. Haben sie dort Kraftwerksbau gelernt?

Uhlig Mit dem Bau von Kraftwerken hatte ich mich schon vorher befasst. Aber die Zeit in Ungarn war hochinteressant. Damals lief die Modernisierung der Anlagen, um sie europäischen Standards anzupassen. Im Jahr 2000 bin ich zurückgekommen und habe die Leitung der Kraftwerke Frimmersdorf und Neurath übernommen.

Damit sind wir in der Gegenwart. Welche Größenordnung hat der Kraftwerksstandort Grevenbroich eigentlich?

Uhlig Im gesamten rheinischen Braunkohlerevier produzieren wir im Jahr 70 Terawattstunden Strom. Das macht etwa zwölf, 13 Prozent der Stromproduktion in Deutschland aus. In den Kraftwerken in Frimmersdorf und Neurath werden etwa 30 Terawattstunden im Jahr produziert.

Wie viele Menschen können damit versorgt werden?

Uhlig Das dürften etwa 20 Millionen bis 30 Millionen Menschen sein. Doch wir beliefern ja nicht nur Privathaushalte, sondern versorgen vor allem auch die Industrie. Insgesamt liefert das rheinische Revier die Hälfte des Strombedarfs in Nordrhein-Westfalen. RWE ist zudem ein ganz bedeutender Arbeitgeber mit 3000 Mitarbeiterin allein in der Region Grevenbroich. Darüber hinaus fließen durch Auftragsvergaben eine Milliarde Euro jährlich ins Revier – und davon 2010 rund 66 Millionen in den Rhein-Kreis Neuss. Das trägt zur Stabilität in der Region bei. Meine Vorgänger haben erklärt, dass es zwei Standbeine in Grevenbroich gibt: die Stromversorgung und den Tagebau sowie die Aluminiumindustrie. Wir müssen alles tun, um diese Bereiche zu sichern und weiterzuentwickeln.

Zur Sicherung des Standorts zählt das BoA-Kraftwerk, das sich auf der Zielgeraden befindet. Wie sieht der Fahrplan aus?

Uhlig Mit dem ersten Block wollen wir 2011 in den kommerziellen Betrieb gehen, die Testphase läuft. Der zweite Block folgt in etwa vier bis sechs Monaten. In beiden Anlagen werden wir aber schon 2011 Strom erzeugen. Ursprünglich sollten beide Blöcke 2011 in Betrieb gehen.

Worin liegt der Grund für die Verzögerung?

Uhlig Wir betreten beim Bau neuer Blöcke immer auch technisches Neuland. In jedem Block haben wir es mit Komponenten zu tun, die erstmalig eingesetzt werden. Um den Wirkungsgrad weiter zu erhöhen, haben wir einen Stahl eingesetzt, der höhere Drücke und Temperaturen aushält. In anderen Kraftwerken führte das zu Problemen, der Stahl bekam Risse. Für unser Kraftwerk haben wir nach Lösungswegen gesucht, um das zu vermeiden. Die BoA-Blöcke in Neurath sind das erste Kraftwerk, das in Großbetrieb geht, ohne dass hierbei bislang Probleme aufgetreten sind. Doch auch diese Maßnahmen kosten Zeit, die sich auf die Inbetriebnahme auswirkt.

Zur Grundsteinlegung kam die Bundeskanzlerin. Wen können wir zur Eröffnung erwarten?

Uhlig Ganz ehrlich: Darüber haben wir in unserem Kreis noch nicht gesprochen. Zunächst stehen für uns die technischen und organisatorischen Herausforderungen im Mittelpunkt.

Sehen wir uns den neuen Block genauer an. BoA steht für Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik. Oder kann man das bald durch "optimal" ersetzen?

Uhlig Der Wirkungsgrad liegt bei 43 Prozent. Das ist der höchste Wirkungsgrad, der bei einer Braunkohlenanlage bisher realisiert werden konnte. Aber wir forschen bei diesem Thema weiter, dafür gibt es etwa unser Innovationszentrum Kohle in Niederaußem.

Die Forschung dürfte nach der Katastrophe in Fukushima steigende Bedeutung haben. Danach ist in der Energiewelt nichts mehr so wie es vorher war. Was bedeutet die Atomwende, der Ausstieg?

Uhlig Da muss ich etwas weiter ausholen, um verständlich zu machen, was in der Energiepolitik passiert. Das Atomkraftwerk in Fukushima ist nach dem Erdbeben in einen sicheren Zustand herunter gefahren worden. Das Problem in Fukushima ist, dass man vor dem Kraftwerk einen Wall gebaut hat, der für Tsunamis nicht ausreichend hoch war. Wenn in Deutschland Kraftwerke zur Genehmigung anstehen, dann werden potenzielle Risiken untersucht. Das können Ereignisse sein, die alle 10 000 Jahre – bei Erdbeben sogar alle 100 000 Jahre – erwartet werden. In Fukushima hat man offensichtlich nicht berücksichtigt, dass es in den vergangenen 100 Jahren in der Region mindestens zwei Tsunamis in dieser Dimension gegeben hat. Es handelte sich also um einen gravierenden Auslegungsfehler.

Die Katastrophe in Fukushima ist also nicht durch Erdbeben, sondern durch den Tsunami ausgelöst worden?

Uhlig Richtig. Nach dem Erdbeben sind die Dieselaggregate zur Notstromversorgung angesprungen, aber dann durch den Tsunami schlichtweg abgesoffen. Die Situation in deutschen Kernkraftwerke ist ganz anders. Bei uns gibt es beispielsweise sechs Notstromaggregate und eine mobile Einheit – in Japan nur zwei. Die Bundesregierung hat nach dem Unglück in Japan eine Kommission mit einem Stresstest bei unseren Kraftwerken beauftragt. Diese Untersuchung kam zum Ergebnis, dass nicht ein Kriterium die Stilllegung von Anlagen – auch nicht von älteren – rechtfertigt. Doch dieses Ergebnis hat die Bundesregierung nicht berücksichtigt, sondern sie hat nach dem Votum der Ethik-Kommission entschieden, acht Anlagen dauerhaft vom Netz zu nehmen und die Laufzeiten der restlichen zu verkürzen.

Was sind die Konsequenzen?

Uhlig Eine Konsequenz ist, dass wir nun Strom aus Frankreich oder Tschechien erhalten. Bei der Entscheidung der Bundesregierung wurden solche Aspekte ignoriert. Zudem wird volkswirtschaftliches Kapital in erheblicher Größenordnug vernichtet, ohne dass ein sicherheitstechnisches Plus erreicht wird. Die Folgen werden wir auch in Grevenbroich zu spüren bekommen – etwa bei der Entwicklung der Strompreise. Eine ganz gravierende Frage für uns aber ist: Wie können wir als Unternehmen in Deutschland künftig noch investieren, wenn man von der Politik nicht mehr verlässliche Rahmenbedingungen gesetzt bekommt. Die Entscheidungen sind gefallen, wir müssen uns anpassen – und wir überlegen, wie wir uns danach aufstellen.

Was bedeutet das fürs rheinische Braunkohlerevier?

Uhlig Das ist noch nicht klar, zumal es in Berlin keine einheitliche Position gegenüber fossilen Energien gibt. Die ersten Stimmen sind zu hören, dass nach dem Aus für die Kernkraft die Braunkohle an der Reihe ist. Wir brauchen eine gemeinsame Aktion, alle großen Parteien müssen mit den Energieerzeugern nach gemeinsamen Lösungen suchen. Aber das ist zurzeit nicht zu erkennen. Im Revier laufen noch mehrere alte 150-Megawatt-Blöcke.

Bleibt es trotz geänderter Vorzeichen beim Zeitplan, sie bis Ende 2012 abzuschalten?

Uhlig Ja, bis Ende 2012 gehen alle 16 der 150-Megawatt-Blöcke vom Netz. Bis zum Start der BoA-Blöcke in Neurath gehen sechs Blöcke in Frimmersdorf außer Betrieb, vier sind bereits abgeschaltet. RWE Power hat die neuen BoA-Blöcke immer als Ersatz für alte Anlagen betrachtet.

Auf einen Termin fürs Abschalten der 300-Megawatt-Blöcke will RWE Power sich dagegen noch nicht festlegen.

Uhlig Wir streben zurzeit an, dass wir die Technologie für den nächsten Anlagentyp entwickeln und zur Entwicklungsreife bringen. Wir bereiten uns darauf vor, dann die 300-Megawatt-Anlagen vom Netz zu nehmen. Die Entscheidungen, die in den kommenden Jahren zu treffen sind, müssen wir von den Rahmenbedingungen abhängig machen. Eine solche Investition muss sich rechnen.

Bleibt Frimmersdorf Kraftwerksstandort?

Uhlig Auf jeden Fall. Zunächst stehen dort ja noch die beiden 300-Megawatt-Blöcke. Außerdem ist das ein idealer Standort – direkt neben dem großen Bunker des Tagebau Garzweiler und neben der Trasse der Werkbahn. Darüber hinaus übernimmt Frimmersdorf die Wasserversorgung auch für das Kraftwerk Neurath.

Es gibt aus der Politik Wünsche, in Frimmersdorf Forschungseinrichtungen anzusiedeln. Aber dafür scheint ja Niederaußem vorgesehen zu sein. Sind Sie da neidisch?

Uhlig Auf keinen Fall, wir arbeiten Hand in Hand zusammen. Unser Innovationszentrum in Niederaußem konzentriert sich auf bestimmte Bereiche, geforscht wird aber auch an anderen Standorten. Die Entscheidung, wie es in Frimmersdorf weitergeht, steht noch aus. Ich persönlich würde es am besten finden, wenn Frimmersdorf ein Kraftwerkstandort mit neuen Anlagen ist.

Sie haben davon gesprochen, dass 66 Millionen Euro an Aufträgen 2010 in den Rhein-Kreis Neuss geflossen sind. Sie sind auch Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung Grevenbroich, Jüchen, Rommerskirchen. Gibt es da Verknüpfungen?

Uhlig Zunächst einmal ist das Engagement rein persönlich. Ich möchte dazu beitragen, Plattformen zu schaffen, wo Unternehmen sich austauschen und vernetzen können. Darüber hinaus bevorzugt RWE bei Auftragsvergaben – bei wirtschaftlicher Gleichwertigkeit – heimische Anbieter. Auch solche Fragen werden bei den Treffen der Wirtschaftsvereinigung diskutiert.

Damit sind wir beim Thema Nachbarschaft. Bürgermeisterin Ursula Kwasny liebt den Slogan, "Grevenbroich – Bundeshauptstadt der Energie" nicht. Stimmt Sie das traurig?

Uhlig Solche Entscheidungen müssen die Bürgermeister treffen. Axel Prümm hat viel dafür getan, Grevenbroich bekannter zu machen. Ursula Kwasny hat andere Schwerpunkte, ist sicherlich ein anderer Mensch. Aber sie setzt sich sehr für die Kraftwerke und den Tagebau ein. Ich arbeite gern mit ihr zusammen.

Würden Sie zustimmen, dass Axel Prümm ein wirtschaftsfreundlicher Bürgermeister war?

Uhlig Wir wollen mit jedem Bürgermeister gut zusammenarbeiten.

Aus der Nachbarschaft kommen auch Wünsche, dass RWE hilft – Stichwort Erfthalle. Warum gefällt ihnen der Gedanke nicht?

Uhlig RWE hat sich als ein soziales Unternehmen positioniert, wir unterstützen an vielen Stellen. Doch bei der Erfthalle geht es um Millionenbeträge. Solche Summen können wir nicht einfach an einem Ort ausschütten.

Tagebau und Kraftwerke sind nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern auch eine Belastung für die Menschen und die Region. Da meint mancher, dass etwas über die Pflicht hinaus als Kür getan werden sollte.

Uhlig Es gibt Belastungen – und es ist unser Tagesgeschäft, sie auf ein vertretbares Maß zu reduzieren. Wir sind bei Problemen immer für Politik, Vereine und andere da. Zuschüsse in dieser Dimension aber sind Träume.

Was ist mit einem etwas kleineren "Plan B" – etwa für ein Vereinshaus. Würden Sie da zumindest zuhören?

Uhlig Wir hören zu, und wir sind ja bei den Diskussionen eingebunden. Aber die Entscheidungen muss der Vorstand treffen. Da kann ich keine Versprechungen machen.

Sie engagieren sich in mehreren Organisationen ehrenamtlich, etwa im Kuratorium der Bürgerstiftung. Was möchten Sie dort erreichen?

Uhlig Die Bürgerstiftung ist ein gutes zusätzliches Instrument, um soziale Probleme abzufedern. 200 000 Euro sind als Kapital zusammengekommen. Ein stattlicher Betrag, der aber noch kräftig wachsen muss. Ich spreche deshalb Firmen mit der Bitte an, etwa Weihnachtsgratifikationen in Form von Spenden an die Stiftung zu geben.

Sie sind auch Vorsitzender des Vereins Pascal-Technikum Grevenbroich. Was ist das Ziel von PasTeG?

Uhlig Wir haben in Deutschland einen Mangel an Ingenieuren, obwohl wir in Deutschland von technischen Innovationen leben. Leider sind die Themen Ingenieurwissenschaften und Technik an vielen Schulen nicht besonders "sexy". Viele Jugendliche haben aber technisches Interesse. Wir ermöglichen jährlich 20 bis 30 Jugendlichen, zwei Jahre lang jeden zweiten Samstag hautnah zu erleben, was Ingenieure in den unterschiedlichsten Bereichen machen. Das ist ein ziemlich einzigartiges Projekt, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Da schließt sich der Kreis – wir brauchen Innovation.

Am Neurather See steht die einst europaweit größte Photovoltaikanlage. Bräuchte die nicht einen Innovationsschub?

Uhlig Diese Anlage hat uns als Forschungsanlage viele Erkenntnisse gebracht. Wenn man aber ehrlich ist, ist Solarstrom sinnvoll nicht in Deutschland, sondern etwa in Spanien zu erzeugen. Deutschland ist nur deshalb stark bei der Solarenergie, weil Milliarden an Fördermitteln gezahlt werden – und die müssen letztlich alle tragen.

Zu einem aktuellen Vorhaben: Am Kraftwerk Neurath sind elf Hektar große Gewächshäuser für Tomaten im Bau, die mit Fernwärme aus dem Kraftwerk geheizt werden. Ist das auch ein Forschungsprojekt?

Uhlig Zunächst ist das eine Produktionsanlage, in das Landwirte aus dem Rheinland rund zwölf Millionen Euro investieren. Auf einem halben Hektar erforschen wir aber, ob mit Niedertemperaturwärme – mit 40 Grad– gute Erträge bei den Pflanzen zu erzielen sind. Auf jeden Fall ist das Projekt eine sinnvolle Symbiose zwischen Energiewirtschaft und Landwirtschaft, wie sie in dieser Größenordnung bislang in Deutschland unbekannt war.

Carsten Sommerfeld fasste das Gespräch zusammen.

(NGZ)
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