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Grevenbroich: Ersatz-Mütter geben Kindern ein Zuhause

Grevenbroich : Ersatz-Mütter geben Kindern ein Zuhause

Veronika Koll (57) aus Grevenbroich kümmert sich als Erziehungsstellen-Mutter um Kinder mit unterschiedlichen Problemen. Oft ist das Familienleben eine Herausforderung. Aber eine, die sie richtig glücklich macht.

Veronika Koll (57) ist Profi-Mutter. Im Amtsdeutsch heißt das: Sie ist Erziehungsstelle. Gemeinsam mit ihrem Mann gibt die gelernte Kinderpflegerin und Tagesmutter Kindern ein Zuhause, deren leibliche Eltern sich nicht angemessen um sie kümmern können. Veronika Koll hat darin eine Tätigkeit gefunden, die sie als ideal einschätzt: "Manche halten die Erfindung eines Flugzeugs für eine besondere Leistung. Ich glaube, man hat auch etwas Gutes geleistet, wenn man Kinder auf ihrem Lebensweg begleitet — und ihnen vermittelt, wie schön das Leben in einer Familie sein kann."

In Grevenbroich betreuen 35 Pflegefamilien 67 Kinder. 67 weitere Kinder sind in Heimen untergebracht, fünf bis acht in Erziehungsstellen. Erziehungsstellen werden vom Jugendamt immer dann angefragt, wenn Kinder aus ihren Familien genommen werden müssen — etwa, weil sie psychisch oder physisch vernachlässigt werden, geschlagen oder missbraucht werden. Die Konsequenz: Oft leiden die Jungen und Mädchen unter ihren Erlebnissen, zeigen Verhaltensauffälligkeiten und brauchen gezielte (therapeutische) Unterstützung.

Das Haus St. Stephanus in Elsen ist einer der Träger, mit dem das Jugendamt zusammenarbeitet. Die dortigen Beraterinnen Gabriele Krings (50) und Ulrike Härtel (50) machen zurzeit die Erfahrung, "dass es immer schwieriger wird, Paare als Erziehungsstellen zu gewinnen". Anders als Pflegeeltern müssen Erziehungsstellen eine pädagogische Qualifikation, etwa als Sozialpädagoge oder Erzieher, vorweisen. Die Auswahl ist zudem laut Härtel und Krings "ein Prozess, der einige Zeit dauern kann": In intensiven Gesprächen werden Qualifikation und Anforderungen geklärt. Meist werden Paare ausgewählt, die bereits eigene Kinder haben — "eine Voraussetzung ist das aber nicht", meint Ulrike Härtel.

Auch Veronika Koll hat dem Team vom Haus St. Stephanus einen Blick in ihr Familienleben gewährt. "Per Zufall" war sie 1999 auf die Tätigkeit als Erziehungsstelle aufmerksam geworden: "Ich suchte eine Möglichkeit, mich um meine drei Kinder kümmern und zugleich beruflich tätig sein zu können." Seitdem hat sie mit ihrem Mann Gerd einigen Kindern eine Familie geboten — stets begleitet von den Ansprechpartnerinnen im Elsener Haus St. Stephanus. Sie besuchen die Familie, unterstützen bei besonderen Problemen. "Regelmäßige Gespräche mit unseren Erziehungsberaterinnen, Hausbesuche und auch der Austausch mit anderen Erziehungsstellen sind bei uns selbstverständlich", sagt Herbert Winkens, pädagogischer Leiter der Einrichtung.

Was hat Profi-Mutter Veronika Koll als große Herausforderung erlebt? "Man muss immer das richtige Maß zwischen Nähe und Distanz finden", meint die 57-jährige Grevenbroicherin. Manchmal sei sie beschimpft, beleidigt oder bestohlen worden, doch sie weiß: "Es ging dann weniger um mich." Viele Kinder müssten sich an ein intaktes Familienleben gewöhnen, manche müssten erst lernen, "dass Menschen gut sind".

"Manchmal entstehen auch Loyalitätsprobleme. Die Kinder fühlen sich hin- und hergerissen zwischen ihren leiblichen und ihren Pflegeeltern", weiß Ulrike Härtel. Nicht immer sei dieser Konflikt zu lösen — manchmal sei die Konsequenz auch ein Ende des Pflegeverhältnisses. Das haben auch Veronika und Gerd Koll erfahren — eine Erfahrung, die sie noch heute beschäftigt.

Was sie überrascht hat: "Wie schnell man auch zu zunächst fremden Kindern eine enge Beziehung aufbauen kann." Noch heute freut sie sich, dass der Kontakt zu längst erwachsenen Pflegekindern besteht. Was Veronika Koll sich für ihre Pflegekinder wünscht: "Ihnen nicht nur für eine bestimmte Zeit eine Familie gegeben zu haben. Sie sollen durch unser Vorbild auch erfahren haben, dass Familie etwas Gutes ist — etwas, dass sie selbst für ihre Zukunft auch schaffen können."

(NGZ/ac)