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Grevenbroich: Die zweite Heimat der Michelsdorfer

Grevenbroich : Die zweite Heimat der Michelsdorfer

Beinahe zwei Generationen der Michelsdorfer, die vor 67 Jahren in Grevenbroich angesiedelt wurden, sind bereits verstorben. Jetzt soll die Jugend das Andenken der vertriebenen Oberschlesier bewahren und weitertragen.

Wie seine Heimat früher war, daran kann sich Bruno Reimann genau erinnern. Der gebürtige Oberschlesier war 22 Jahre alt, als er mit seiner Familie den Heimatort Michelsdorf verlassen musste. "Wir wurden dann überwiegend hier im Grevenbroicher Raum angesiedelt. Die Menschen, die uns aufgenommen haben — uns bei sich aufnehmen mussten — waren genauso verärgert wie wir selbst", erinnert sich der 79-Jährige. "Aber es musste eben sein. Jeder musste zurückstecken." Im Laufe der Zeit wuchsen die Grevenbroicher und die Oberschlesier zu einer Gemeinschaft zusammen, so dass Reimann heute sagt: "Ich habe hier meine zweite Heimat gefunden."

Zwar träume er — wie alle Michelsdorfer — noch heute von der Heimat seiner Kindheit und Jugend und besucht sie oft. "Aber nach zwei Wochen vermisse ich bereits Grevenbroich. Hier habe ich den größten Teil meines Lebens verbracht", so Reimann, der in Kapellen seine Frau Elisabeth (76) kennengelernt hat. Bald feiern sie ihren 60. Hochzeitstag. "Ich lebe mit einer großen Familie. Meine vier Kinder und sieben Enkel sind mein ganzer Stolz — auch sie waren schon oft mit uns in Michelsdorf." Ein halbes Jahrhundert lang hat er die Jugend des SC Kapellen trainiert, er ist heute Ehrenmitglied. "Ich habe mich hier schnell heimisch gefühlt", sagt Reimann. Historisches Wissen sei eine Sache, Historie eine ganz andere: "Als ich 13 Jahre alt war, das war schon eine schlimme Zeit", berichtet der ehemalige Maschinenschlosser. "Die jungen Männer waren im Krieg, die älteren blieben bei den Frauen, die die Arbeit verrichten mussten.

Von der Front ging es ins Sudetenland, bevor die Russen die Männer ins zerstörte Michelsdorf zurückgeschickt hatten." Mit Handgepäck und Proviant für eine Woche auf Viehwaggons wurden die Michelsdorfer — etwa 230 Einwohner — dann aus dem Dorf gebracht. "Erst, als wir im Westen angekommen waren, haben wir aufgeatmet. Das war gut", so der 79-Jährige. Wer nicht dabei gewesen ist, kann die Erlebnisse meist schlecht nachvollziehen. Anders ist es bei den rund 14 Michelsdorfern, die zum Namensfest des heiligen Josef, des Schutzpatrons der Michelsdorfer, gekommen waren. Sie alle haben ihre eigene Historie, die sie im Laufe der Jahre verarbeitet, doch nie vergessen haben. "Deshalb singen wir auch voller Inbrunst unsere Heimatlieder", unterstreicht Bruno Reimann.

Fast zwei Generationen Michelsdorfer seien bereits verstorben. "So wird unser Häuflein immer kleiner." Damit das Andenken der Michelsdorfer erhalten bleibt, plant Bruno Reimann jetzt, das Treffen von der Josefsmesse terminlich zu trennen. "Der Namenstag des heiligen Josef ist meist an einem Wochentag. Da können die jungen Leute gar nicht kommen, weil sie lange arbeiten und am nächsten Tag früh aufstehen müssen." Wenn das Treffen dann am Wochenende stattfinde, so hofft Reimann, würden auch die Nachfahren der Vertriebenen und interssierte Grevenbroicher daran teilnehmen.

(vest)