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Grevenbroich: "Die DDR war mein Gefängnis"

Grevenbroich : "Die DDR war mein Gefängnis"

Matthias Hintz ist 1987 aus der DDR geflohen und ließ sich drei Jahre später in Hülchrath nieder. Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus blickt er auf seine Kindheit und Jugend zurück. Dabei rechnet er mit Ostalgie und Verharmlosung ab.

Wenn Matthias Hintz (51) diesen einen Satz hört, sieht man die Abscheu in seinem Blick. Es ist ein Satz, den der SED-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht einen knappen Monat vor dem Mauerbau 1961 sagte: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Heute, zum 50. Jahrestag des Mauerbaus, wird dieser Satz wieder auftauchen. Im Fernsehen, im Radio, in historischen Rückblicken. Dann kommt die Wut in Matthias Hintz hoch. "In diesem Satz ist alles drin: die Skrupellosigkeit und die Verlogenheit des DDR-Regimes, das Menschen einsperrte und ausbeutete", sagt Hintz. 1990 ließ er sich in Hülchrath nieder. Drei Jahre zuvor war er aus der DDR geflüchtet.

Es war sein Weg in die Freiheit. Als Matthias Hintz flüchtete, war er 28 Jahre alt und Kunststudent. "Mir war früh klar, dass ich aus diesem Land raus muss", sagt er. Und das nicht nur, weil seine Liebe zur Kunst im krassen Widerspruch zum DDR-Alltag stand. "Kunst bedeutet Freiheit. Aber ich war von frühester Kindheit an eingesperrt wie in einem Gefängnis", sagt Hintz. "Nicht mal seinen engsten Freunden konnte man anvertrauen, wie man sich fühlte. Man musste ja immer damit rechnen, dass selbst sie für die Stasi arbeiten." Seine Stasi-Akte hat er vor zwei Jahren eingeschaut. Sie ist 84 Seiten dick.

Schon im Alter von fünf Jahren dachte Matthias Hintz das erste Mal an Flucht. Eine Tante aus Aus-tralien war zur Beerdigung seines Großvaters zu Besuch in Hintz' ostdeutscher Heimat Bad Dürrenberg in der Nähe von Merseburg. "Ich habe sie damals gefragt: Nimmst du mich mit nach Australien?", erinnert er sich. Im Scherz antwortete sie: "Aber natürlich." Umso enttäuschter war Matthias Hintz, als sie abreiste. Ohne ihn. "In einem Land, in dem schon ein Fünjähriger denkt ,Ich muss hier raus' läuft etwas grundlegend falsch."

Seine Erinnerung an die Stätten seiner Kindheit fallen trostlos aus. Das lag auch an der Chemieindustrie im nahen Leuna, Halle und Schkopau. "Ich habe diese Zeit als grau und trostlos in Erinnerung, mit diesem bestialischen Gestank aus den Fabriken", sagt Hintz. In seiner Erinnerung sieht er die Zeit in der DDR als tristen Schwarz-Weiß-Film. Lange habe er seine Flucht vorbereitet. Zu Details will er nichts sagen. "Ich war einfach froh, als ich alles hinter mir gelassen hatte. Ich war endlich frei."

Ostalgie und die Verharmlosung der DDR-Zeit durch "Die Linke" machen ihn wütend. Es sei wie ein Faustschlag ins Gesicht derer, über die das DDR-Regime unendliches Leid gebracht habe. Ein Leid, das mit dem Mauerbau vor 50 Jahren seinen Anfang nahm. Ein Leid, das er nicht vergisst. "Das System der DDR war durch und durch menschenverachtend", sagt Hintz.

(NGZ)