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Grevenbroich: Der Vorbeter aus Ankara

Grevenbroich : Der Vorbeter aus Ankara

Rund 4000 Türken leben in Grevenbroich. Es gibt aber so gut wie keine muslimischen Gräber. Denn fast alle Gestorbenen werden in ihr Heimatland überführt. Bei Begräbnissen hält Vorbeter Seyfettin Halici die Zeremonien ab.

Sein Herz schlägt weiter für den Fußballklub Besiktas, auch wenn er für fünf Jahre von Ankara nach Grevenbroich übersiedelte: der Vorbeter Seyfettin Halici (55). In der Moschee am Hammerwerk ist dagegen seine religiöse Wirkungsstätte – zum Beispiel bei Geburten und Sterbefällen. Die letzte Reise ist für die in Grevenbroich lebenden Muslime fast immer auch eine tatsächliche Reise. In der ganzen Stadt ist so gut wie kein muslimisches Grab zu finden. Denn die Toten werden in aller Regel in ihr Heimatland überführt. So auch bei den Türken. In Grevenbroich leben 4000 Landsleute. Es gibt aber nur vier Erwachsenengräber; sie befinden sich auf dem Waldfriedhof in Gustorf. Warum das so ist, erläutert Halici: "Fast alle Türken wollen in der Heimatstadt begraben werden, weil die Toten miteinander kommunizieren." Und wer in der Heimat begraben ist, trifft dort seine toten Verwandten. Rund zehn Babygräber sind auf dem Waldfriedhof zu finden. "Babss kommen im muslimischen Glauben direkt in den Himmel. Erwachsene warten auf das Jüngste Gericht", erklärt der 55-Jährige.

Wenn ein Türke in Grevenbroich stirbt, braucht er sich über die rund 2000 Euro teuren Überführungskosten keine Sorgen zu machen. So gut wie alle Türken zahlen nämlich jedes Jahr rund 50 Euro in einen Fonds ein. Stirbt jemand, dann werden die Bestattungskosten daraus bezahlt. Auch der Flug für einen Begleiter ist abgedeckt. Meist fliegt jedoch die ganze Familie mit in die Türkei, um dem Toten eine würdevolle Bestattung zu ermöglichen. "Kürzlich ist ein Opa gestorben. Insgesamt 19 Familienangehörige sind mit in die Türkei geflogen", erinnert sich der Vorbeter, der seit drei Jahren in Deutschland lebt und drei Mal in der Woche an einem Deutschkursus teilnimmt. Stirbt ein Türke in Grevenbroich, dann wird Abschiedszeremonie gefeiert. Der Tote wird zuerst in die Moschee am Hammerwerk gebracht. Danach wird er vor der Moschee aufgebahrt. Der Vorbeter spricht dann sein Gebet, die anderen Anwesenden stellen sich hinter ihm auf. Gleich nach der Abschiedsfeier wird der Tote mit einem Leichenwagen zum Flughafen gefahren – mit dem Ziel Türkei. Die wenigen Türken, die in Grevenbroich begraben werden, kommen auf einen abgetrennten Teil des Waldfriedhofes in Gustorf. "Sie werden ohne Sarg begraben. Es werden Holzscheite über dem Toten gestapelt, er soll beim Begräbnis keine Erde auf dem Gesicht haben", erläutert der Vorbeter die Zeremonie.

Halici war bereits 27 Jahre in Ankara als Vorbeter tätig. Fünf Mal pro Tag kommt er in der Moschee zum Einsatz. In seiner Freizeit geht Halici gern spazieren und hört türkische Folklore.

(NGZ)