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Grevenbroich: Der letzte 150-MW-Block geht vom Netz

Grevenbroich : Der letzte 150-MW-Block geht vom Netz

"Martha" geht heute Abend vom Netz. Damit wird im Kraftwerk Frimmersdorf die letzte von zwölf 150-Megawatt-Anlagen abgeschaltet. Der Block wurde vor 50 Jahren gebaut und war rund 350 000 Stunden in Betrieb.

Im Kraftwerk endet heute eine Ära: Ab 20 Uhr geht "Martha", die letzte der zwölf alten 150-Megawatt-Anlagen in Frimmersdorf, endgültig vom Netz. Ihr Kollege "Ludwig" wurde bereits gestern Abend gegen 22 Uhr heruntergefahren. In der knapp 600 Meter langen Maschinenhalle an der Energiestraße wird Ruhe einkehren, sobald auch die letzte der gewaltigen Turbinen abgeschaltet wird.

"Dabei ist auch etwas Wehmut mit im Spiel", sagt Blockmeister Detlef Diederich (58), der seit Jahrzehnten mit seinem Team für einen reibungslosen Betrieb der beiden Anlagen sorgt: "Hier haben wir gemeinsam viele Schichten gefahren und dafür gesorgt, dass der Strom aus der Steckdose kommt." Ist die Stilllegung der beiden Anlagen abgewickelt, ist auch für Diederich der Ruhestand nicht mehr allzu fern: Anfang Juni wird der Orkener in die passive Phase seiner Altersteilzeit gehen – dann hat er mehr Zeit für seine Frau, die beiden Kinder, die fünf Enkel und seinen Garten.

Vor der Inbetriebnahme des neuen BoA-Kraftwerks in Neurath hatte sich RWE Power dazu verpflichtet, die alten 150-Megawatt-Blöcke im Revier abzuschalten. "In Frimmersdorf haben wir damit bereits Mitte 2009 begonnen", erklärt Diplom-Ingenieur Klaus Bierbaum (55), der für den Blockbetrieb im Kraftwerk zuständig ist: "Nun können wir in den Endspurt gehen."

Und der beginnt zwei Tage früher als geplant: Denn ursprünglich sollten die beiden Anlagen unmittelbar vor dem Jahreswechsel vom Netz gehen. Doch die milde Witterung durchkreuzte dieses Vorhaben: "Es ist relativ warm, da wird weniger Strom verbraucht. Außerdem übernehmen die Windräder einen Teil der Energieproduktion", betont Klaus Bierbaum. Aus wirtschaftlichen Gründen mache es Sinn, die Blöcke etwas früher abzuschalten.

Ist die letzte Anlage heruntergefahren, endet die Zeit des alten Frimmersdorfer Kraftwerks – lediglich die 300-Megawatt-Blöcke "Paula" und "Quelle" bleiben am Netz, voraussichtlich bis 2018. Als das Werk zwischen 1955 und 1964 gebaut wurde, gehörte es zu modernsten Anlagen seiner Art. "Der Ausbau ging einher mit dem Wirtschaftsboom, als sich vor allem im Ruhrgebiet die stromintensive Großindustrie entwickelte", sagt Klaus Bierbaum. In den 1980er Jahren konnte sich Frimmersdorf sogar mit dem Titel "Größtes Braunkohlekraftwerk Europas" schmücken. "Wir haben damals eine Bruttoleistung von 2400 Megawatt gefahren", erinnert sich Detlef Diederich – nicht ohne Stolz. Klimaschützer fanden indes ein anderes Superlativ für die 150-Megawatt-Blöcke und zählten sie zu den "größten CO2-Dreckschleudern" des Kontinents.

Die alte Kraftwerkskulisse mit ihrer markanten Glasverkleidung bleibt vorerst erhalten, denn die Abrissbagger werden sich in den nächsten Jahren noch nicht ans Werk machen. "Bis es soweit ist, werden wir die technischen Anlagen im Inneren der Halle aufwendig sichern. So müssen etwa sämtliche elektrischen Teile abgeklemmt sowie alle Öffnungen und Klappen verschweißt werden", erklärt Klaus Bierbaum. Maschinen und Turbinen bleiben bis auf weiteres in dem riesigen Gebäude stehen.

Zwar bietet das Herunterfahren des Blocks "Martha" heute eine Gelegenheit zum Anstoßen – doch: "Im Kraftwerk ist Alkohol verboten. Und alkoholfreier Sekt wurde in der Vergangenheit von der Belegschaft nicht so begeistert angenommen", schmunzelt Klaus Bierbaum. So wird der Belegschaft des Leitstandes heute Nacht eine deftige Gulaschsuppe aus der Kantine kredenzt. Dazu gibt es Mineralwasser und Softdrinks.

(NGZ)