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Grevenbroich: Das Alpe d'Huez von Grevenbroich

Grevenbroich : Das Alpe d'Huez von Grevenbroich

Die bewaldete Vollrather Höhe zwischen Allrath, Neuenhausen und Frimmersdorf überragt mit ihren 187 Metern den Rhein-Kreis Neuss. Über die Abraumhalde des Tagebaus Garzweiler verläuft ein beliebter Radwanderweg. Für Ungeübte stellt sie indes eine echte Herausforderung dar.

Spötter bezeichnen die Vollrather Höhe als überdimensionierten Maulwurfshügel. Ihr Ahnungslosen! Sicher, streng genommen ist das in den Jahren 1955 bis 1968 aufgeschüttete Plateau gar kein richtiger Berg, sondern eine 187 Meter hohe Abraumhalde des Braunkohletagebaus. Doch wer die rund zweieinhalb Kilometer bis zum "Gipfel" mal mit dem Rad erklommen hat, der verbeugt sich in Demut vor den Heroen der Tour de France. Willkommen im Alpe d'Huez von Grevenbroich, willkommen im Land der Schmerzen ...

Vorbereitungen: Ohne Helm geht auf dem Rennrad natürlich gar nichts. Foto: Woitschützke, Andreas

Drei Routen führen hinauf auf die rundum bewaldete Anhöhe, deren exponierte Lage sie nicht nur weithin sichtbar, sondern auch zu einem idealen Standort für Windräder macht. Die schwerste — Ausgangspunkt ist das Kraftwerk Frimmersdorf — erreicht eine Maximalsteigung von acht Prozent. Mit Blick auf mein antiquiertes Rennrad entscheidet Hans-Peter Nilges fast mitleidig: "Wir fahren von Allrath aus los." Damit wählt der erfahrene Trainer, dessen Schützlinge in der U19-Rad-Bundesliga fahren, den vermeintlich leichtesten Aufstieg.

Idyllisch: Könner wie Christian Piel und Sven Thurau genießen die Bergtour. Foto: Woitschützke, Andreas

Ein feiner Zug. Er sitzt freilich nur im Begleitfahrzeug, an die Front schickt er seine talentierten Jungs: Christian Piel, Sven Thurau und Nils Schomber (alle VfR Büttgen), frischgebackener Deutscher Juniorenmeister im Einzelzeitfahren.

Geschafft: Profi Nils Schomber (r.) vergießt keinen Schweißtropfen. Foto: Woitschützke, Andreas

Es geht los! Schon nach wenigen Metern bin ich im kleinsten aller nur denkbaren Gänge. Ich drücke den Hebel trotzdem weiter verzweifelt nach unten. Die Steigung beträgt fünf Prozent. Mörderisch! Mir schießen die Worte des Trainer in den Sinn: "Wir nutzen die Höhe manchmal zur Regeneration." Witzig, diese Rennsportler. Der Rekord soll bei 4:30 Minuten liegen. Das ist ungefähr die Zeit, die mir bis zum ersten Hungerast bleibt. "Du musst viel trinken und vielleicht auch was essen", ermahnt mich Schomber, der geschmeidig voranfährt. Mistkerl! "Weil ein effektives Krafttraining erst bei acht Minuten anfängt, fahren wir normalerweise drei- bis viermal hintereinander hier hoch", hatte mir Nilges vorher erklärt.

Ich bin mittlerweile eine gefühlte Stunde unterwegs. Ich muss an die Sage von den "Drei Linden" und der einst zu Unrecht zum Tode verurteilte Jungfrau denken. Die Verurteilungsstätte ist hier irgendwo markiert. Ob ein Gedenkstein auch mal mein Scheitern dokumentieren wird? Ich bin kurz vor dem Delirium. Noch 800 Meter. Schomber gähnt. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Ohne eine Bremse wie mich im Schlepptau bewältige er das letzte Stück mit Tempo 40, sagt er leise. Selbst Kradfahrer sind für ihn dann keine Gegner mehr.

Noch 400 Meter. Profis nennen die Vollrather Höhe abschätzig einen Rollerberg. Bei mir rollen höchstens noch die Augen. Noch 200 Meter. Wird es schon dunkel? Vor uns tauchen die ersten Windräder auf. So in etwa muss das Paradies aussehen. Geschafft! Schomber schießt davon. "Ich muss zum Training", ruft er. Ich freue mich auf die Abfahrt.

(NGZ/rl)