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Coronavirus in Grevenbroich: Bewohner der Lebenshilfe über ihren Alltag

Coronavirus in Grevenbroich : Wenn der Schrebergarten hilft, dass einem die Decke nicht auf den Kopf fällt

Die rund 100 Erwachsenen mit Behinderung aus dem Betreuten Wohnen der Lebenshilfe üben sich in ihrem veränderten Alltag. Auch ihre Betreuer stoßen während der Pandemie an ihre Grenzen.

Dirk Geretzki weiß kaum, wo er anfangen soll. In Zeiten von Corona vermisst der Wevelinghovener, der im Betreuten Wohnen der Lebenshilfe unterkommt, sehr viel. „Auf Flohmärkte zu gehen, auf die Rheinkirmes, auf die Nacht der Museen in Düsseldorf hatte ich mich gefreut, überhaupt fahre ich normalerweise oft dorthin, auch zum Japantag oder zum Büchermarkt“, sagt der 53-Jährige. „Ich hatte auch schon Karten für Eishockey-Spiele, jetzt ist alles abgesagt. Mir fehlt auch das Fußball- und Lauftraining der Varius-Werkstätten und überhaupt fehlen mir die Arbeit und die Kollegen“, so Dirk Geretzki, der bei den Varius-Werkstätten in der Schreinerei und der Großküche arbeitet.

 Dirk Geretzki aus Wevelinghoven versucht trotz Corona, die Einrichtung der Lebenshilfe zu verlassen. Er arbeitet viel im Schrebergarten eines Bekannten.
Dirk Geretzki aus Wevelinghoven versucht trotz Corona, die Einrichtung der Lebenshilfe zu verlassen. Er arbeitet viel im Schrebergarten eines Bekannten. Foto: Lebenshilfe

So wie Geretzki geht es vielen. Das bestätigt Roland Struzyna, Bereichsleiter im Betreuten Wohnen der Lebenshilfe aus dem Rhein-Kreis Neuss: „Unseren Klienten fehlt der gewohnte Alltag, die Hobbys, die Arbeit und natürlich der Kontakt zu Freunden und Familie. Das ist genau wie bei allen anderen Menschen auch.“ Wegen des Coronavirus stoßen die Mitarbeiter im Betreuten Wohnen an ihre Grenzen. Sie versuchen, ihre Arbeit auch unter den erschwerten Bedingungen durchzuführen. Sie unterstützen Bewohner beim Kochen, gehen mit ihnen Einkaufen oder Spazieren und sprechen ihnen über Sorgen und Nöte. Die Betreuer müssen derzeit allerdings individuell entscheiden, inwieweit sie Bewohner betreuen können oder wann das Risiko für die Gesundheit zu hoch ist. Manche Bewohner sind für die Zeit der Corona-Krise wieder zu ihren Eltern oder anderen Familienmitgliedern gezogen. Andere verlassen ihre Wohnung aus Angst vor dem Virus gar nicht mehr. Um den Kontakt zu ihnen zu halten, müssen die Betreuer kreativ werden. „Wir kommunizieren natürlich über Anrufe, Videotelefonie und Chats über das Handy, aber das kann ein echtes Treffen manchmal nicht ersetzen. Dann fahren wir auch schon mal zu den Wohnungen hin und bitten die Klienten, ans Fenster zu kommen“, sagt Struzyna.

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Dirk Geretzki gehört nicht zu denjenigen, die sich nicht mehr aus der Wohnung trauen. „Ich bin gerne unterwegs, zu Hause in der Wohngemeinschaft fällt mir schnell die Decke auf den Kopf“, sagt er. Sein Glück: Ein Bekannter hat ihm angeboten, sich um dessen Schrebergarten kümmern zu können, was Geretzki gern angenommen hat: „Ich bin jetzt viel im Garten und gieße die Blumen und die Gemüsepflanzen, das ist eine gute Abwechslung. Ich war auch schon im Baumarkt, um dort neue Pflanzen zu kaufen.“

Seine Bezugsbetreuerin Monika Wiederholt weiß allerdings, wie sehr sich Geretzki wünscht, dass die ungewöhnliche Zeit vorbeigeht: „Er fragt mich praktisch jeden Tag, wann endlich alles wieder normal ist, aber darauf hat eben niemand eine Antwort.“ Dirk Geretzki muss wohl noch eine ganze Weile auf seine geliebte Arbeit und seine Hobbys verzichten.

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(NGZ)