Schützenfest in Grevenbroich 2018: So war die Kirmes in den wilden 20er Jahren

Schützenfest in Grevenbroich : So war die Kirmes in den wilden 20er Jahren

Jazzmusik und Attraktionen aus Amerika – das war die Grevenbroicher Kirmes in den wilden 20er Jahren. Ulrich Herlitz, Vorsitzender des Geschichtsvereins, blickt zurück auf eine Zeit, in der Charleston getanzt und Rahmeis geschleckt wurde.

Nach dem Zusammenbruch Deutschlands im Zuge des Endes des Ersten Weltkrieges 1918 hatte sich der Bürgerschützenverein unter den argwöhnischen Augen belgischer Besatzungstruppen, denen jedwedes Militärisches suspekt war, neu gegründet. Seit 1922 erlebten die Schützenfeste dann wieder einen enormen Aufschwung, trotz immer noch vorhandener Warenengpässe – so gab es in den Gastwirtschaften noch Kohlerationierungen für die Öfen – und der Inflation, die 1923 einen Höhepunkt erlebte. Die Schützenfeste und vor allem die Kirmesplätze boten Abwechslung in einem ansonsten oftmals eher tristen Alltag, versprachen Abwechslung und ein Stück neugewonnener Lebensfreude.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Weltwirtschaft USA und auch der stabilen Rentenmark Gustav Stresemanns, die die Inflation abgelöst hatte, kamen die Goldenen Zwanziger Jahre. Und dies nicht nur wirtschaftlich. Auch kulturell und gesellschaftlich explodierte das Leben förmlich. Der in den USA beliebte deutsche Dichter und Talentsucher Karl Gustav Vollmoeller entdeckte in Amerika Josephine Baker für Europa und holte sie Anfang Januar 1926 auf den Kurfürstendamm. Mit ihren wilden Jazztänzen hatte Baker bereits 1925 Paris im Sturm erobert, nicht zuletzt auch dank ihrer leicht bekleideten Darbietung des gerade in Mode gekommenen Charleston.

Und das im doch eher prüden, an Zucht und Ordnung orientierten Deutschland. Doch der Jazz und dessen neue Tanzbewegung –Charleston, Shimmy, Black Bottom oder Swing – waren nicht mehr aufzuhalten. Zunächst waren es vor allem musikalische Trios mit einem Pianisten, einem Schlagzeuger und einem Stehgeiger, der auch das Saxofon bediente, die in Gaststätten und Festzelten aufspielten. So schwappte dann auch in den Jahren 1925/1926 der Jazz bis in die rheinische Provinz nach Grevenbroich auf die Grevenbroicher Kirmes. Amerika war in aller Munde, und die Kirmes orientierte sich an den großen Vergnügungsparks – wie auf Coney Island in New York der Lunapark.

Attraktionen wie der Vergnügungspalast mit den rollenden Tonnen „aus dem Lunapark von Neu-york“ war zum Beispiel 1925 der Hit auf dem Grevenbroicher Kirmesplatz. Zur Gaudi des Publikums versuchte vornehmlich die Jugend Haltung zu wahren in einer übermannsgroßen, sich drehenden Röhre. Dieses kam so gut an, dass es selbst der Grevenbroicher Zeitung einen redaktionellen Hinweis wert war.

Rahmeis aus Amerika der große Schlager

Überhaupt orientierte man sich am Lebenstil Amerikas. So kam in den Cafés das amerikanische Rahmeis auf, „der große Schlager“, wie das Café Deden beispielsweise zum Schützenfest warb. Doch vor allem die neue amerikanische Musik war unaufhaltsam. Und so erschallte im Jahr 1926 aus jeder Gastwirtschaft der Jazz. Dabei gingen auch die seit Jahren etablierten Musikgruppen auf den Grevenbroicher Schützenbällen mit der Zeit. Die aus vier Herren und Damen bestehende Musikgesellschaft Col Coller, die seit Jahren im Hotel Halboth auftrat, spielte 1926 „unter Mitwirkung einer erstklassigen Jazz-Band-Kapelle“. Das Wachlokal der Schützenlust, das Restaurant Adler, versprach „großen Kirmestrubel, verbunden mit erstklassiger Jazzband-Musik“ der ebenfalls bereits etablierten Düsseldorfer Stimmungskapelle Einig-Sturm – „mit neuen Schlagern“. Selbst das altehrwürdige Hotel „Zur Traube“ bot ihr „Unterhaltungskonzert der Hauskapelle, verstärkt durch Saxophon“. Auch aus dem Alten Schloss hörte man die neuen Rhythmen einer „Original Jazzband-Kapelle“.

So manchem Grevenbroicher Schützen – und dann doch eher an Marschmusik gewöhntem Traditionalisten – werden da sicherlich die Ohren geklingelt haben. Und so ließ auch ein Leserbrief in der NGZ zum Schützenfest 1927 nicht lange auf sich warten, der die Deutschen dazu aufrief, wieder „ordentlicher Tanzmusik“ Platz zu machen und der „widerlichen“ Jazzmusik, die zu „entmannenden“ Tänzen animiere, zu entsagen. Unbeabsichtigt hallt in den voller Abneigung geschriebenen Zeilen noch die Dynamik, die Wucht und die Lebenslust der neuen Jazzmusik nach. Deshalb sei der Leserbrief auch im Original zitiert: „Ein Klavierspieler, ein armer junger Geigenspieler, dazu als Glanzstück ein selbstgelernter sogenannter vielgepriesener Jazzbandschläger, der von Noten keine Ahnung hat, das sind die Kräfte. Wenn man das hört, was diese Spieler als Musik ausgeben, sollte einem die Galle überlaufen. Dieser ohrenbetäubende Lärm mutet an, als begleite ein Bärenführer sein Nationallied mit Tamtam. Dazu die gymnastischen Übungen und Gesichtsschneidereien, dass man sich in einen Zoo versetzt fühlt. Dass diese Menschen nicht die Zunge herausstrecken, ist verwunderlich. Deutsche, ermannet euch. Seid ihr unter die Wilden gegangen, dass das euer Ohrenschmaus ist? Es ist bald Zeit, dass wir den Wirten sagen, dass wir uns diese Torturen und Geschmacklosigkeiten verbitten.“

Gehört wurde der Ruf sowohl bei Gastwirten wie Besuchern zunächst allerdings nicht wirklich. Denn auch 1928 warb zum Beispiel der Rheinische Hof wieder nicht nur mit seinem neuen Familienprogramm, sondern mit der „Original-Jazz-Stimmungskapelle“ im großen Saal. Und natürlich durften neue Attraktionen aus den USA auf dem Kirmesplatz nicht fehlen. Besonders beliebt waren die Riesenräder – „russische Schaukeln“ – oder der gänzlich neue elektrische Selbstfahrer, beides auch Highlights der amerikanischen Vergnügungsparks.

Am Puls der Zeit

Jubel und Trubel auf den Schützenbällen und dem Kirmesplatz blieben eben „am Puls der Zeit“ und nahmen wie ein Seismograph immer auch aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen vorweg, waren also Trendsetter. So war es auch nicht verwunderlich, dass die Goldenen Zwanziger Anfang der 1930er Jahre in einen „Tanz auf dem Vulkan“ – so titelte die NGZ 1931 zum Schützenfest – mündeten und schließlich in der Katastrophe des Nationalsozialismus. Klar, dass Jazzmusik und mit ihnen die vornehmlich schwarzen Musiker als „entartet“, die Musik nun erst recht als „Negermusik“ diffamiert wurden und bald nur noch Marschmusik und braune Uniformen bei den Schützen vorherrschten – auch der Schützenkönig kam schließlich aus den Reihen der neuen Herren unter Inkaufnahme einer Abdankung eines altverdienten Schützen als Majestät. Schließlich sollte eine gleichgeschaltete, uniforme Gesellschaft in einen neuen, rassischen Vernichtungskrieg marschieren…doch das ist eine andere Geschichte.

Zeitgenössisch wurde der Jazz oftmals mit rassistischem Unterton als „Negertanz“ wie auch Josephine Baker als „schwarze Venus“ auf ihre Auftritte im Bananenröckchen reduziert, doch Josephine Baker und die neuen Jazztänze standen nicht zuletzt auch für eine neue emanzipatorische Bewegung. Nicht umsonst sollte sich Jospehine Baker in ihrer Zeit in Frankreich für die Widerstandsbewegung „Resistance“ engagieren und eine Ikone der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung werden. Lange vor heutigen Pop-Ikonen wie Madonna lebte sie zuletzt auch in einer „Regenbogenfamilie“ und adoptierte zwölf Waisenkinder unterschiedlicher Hautfarbe. So protestierte sie auch gegen dumpfen Nationalismus, Rassismus und lebte auf ihre Art ein offenes Weltbürgertum.

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