Bestatter Ralph Geller aus Grevenbroich erzählt über seinen Berufsalltag

Grevenbroicher Bestatter über seine Arbeit : Ein Leben mit dem Tod

Bestatter Ralph Geller spricht offen über seinen Beruf – und antwortet auch auf persönliche Fragen. Wie es ist, als Polizei-Bestatter zu arbeiten, warum er mit Verstorbenen redet, und wie er über den Tod denkt, hat er unserem Autor Christian Kandzorra verraten.

Als Bestatter übt Ralph Geller einen Beruf aus, in dem er hart im Nehmen sein muss. Doch manche Dinge machen ihn einfach fassungslos. Als vor wenigen Wochen ein junger Mann bei einem schweren Unfall auf der Autobahn gestorben ist, brauchte Geller eine halbe Stunde, um sich mit seinem Leichenwagen den Weg durch anderthalb Kilometer Stau zu bahnen. Es gab keine Rettungsgasse. „Die Ignoranz vieler Fahrer ärgert mich“, sagt er. Manche Autofahrer seien nicht zur Seite gefahren – obwohl sie Geller mit Lichthupe und Warnblinklicht im Rückspiegel gesehen hätten. Blaulicht und Martinshorn kann er im Gegensatz zu Rettungskräften nicht einschalten. „Dass ich auf der Autobahn nicht ohne weiteres zum Unfall durchkomme, passiert leider immer wieder. Viele vergessen, dass sich der Stau erst auflöst, wenn die Unfallstelle freigegeben wird. Und das geht manchmal eben erst, wenn ich da war.“

Ralph Geller ist nicht irgendein Bestatter. Er ist einer derjenigen, die dann gerufen werden, wenn Menschen in der Öffentlichkeit gestorben sind. Bei Unfällen, bei Suiziden, im Krankenwagen – oder wenn ein Verstorbener erst Tage nach seinem Tod entdeckt wird. Er ist der von der Polizei beauftragte Bestatter für Grevenbroich, Jüchen und Rommerskirchen. Damit zählt er zu den wenigen, die sich regelmäßig auf die Ausschreibungen für diesen Job melden, wie er sagt.

Der 54-Jährige hat schon viel gesehen. Trotzdem erwischt es manchmal auch ihn eiskalt: „Es gibt Dinge, die mir im Gedächtnis bleiben.“ Als „gespenstisch“ bezeichnet er etwa die Atmosphäre nach einem tödlichen Verkehrsunfall. „Das Flutlicht, das viele Blaulicht, die Hektik die dort herrscht“, nennt Geller ein Beispiel. Manchmal braucht er vor Ort die Hilfe der Feuerwehr, um einen leblosen Körper überhaupt bergen zu können. Manchmal wird er auch an Tatorte gerufen – an Orte, an denen ein Mord passiert ist, an denen ein Mensch umgebracht wurde. „Da darf ich erst aktiv werden, wenn die Spurensicherung fertig ist. Das ist tatsächlich so wie in Fernsehfilmen.“

Im Gedächtnis bleiben ihm auch Menschen, die offensichtlich so einsam lebten, dass sie erst Tage nach ihrem Tod gefunden wurden – vielleicht, weil es im Hausflur unangenehm roch. „So etwas gibt es nicht nur in Großstädten. So etwas gibt es auch hier bei uns, in Grevenbroich.“ Einmal hat er die Leiche einer Frau im Januar abgeholt, bei der aufgrund des Bildes, das sich der Polizei und ihm in der Wohnung bot, feststand, dass sie bereits Tage tot dort gelegen haben muss. „Also auch über Weihnachten. Offenbar hat niemand sie angerufen, niemand hat sie vermisst.“

Die meisten Menschen sterben jedoch im Krankenhaus oder im Seniorenheim. Das ist auch in Grevenbroich so, wo im vergangenen Jahr nach Angaben der Stadtverwaltung rund 750 Menschen gestorben sind. Solche „normalen“ Sterbefälle bestimmen den Arbeitsalltag des fachgeprüften Bestatters, der jedoch betont: „Kein Tod ist wie der andere.“ Als Bestatter gehört es auch zu Ralph Gellers Arbeitsalltag, leblose Körper für eine Beerdigung vorzubereiten, sprich Leichen anzuziehen, zu waschen, sie vielleicht auch für eine Abschiednahme vorzubereiten. „Vielen Angehörigen hilft es, wenn sie sich noch einmal verabschieden können.“

Entscheiden sich Angehörige dafür, kleidet Geller den Verstorbenen oftmals festlich. „Manche Frauen wünschen sich beispielsweise, in ihrem Hochzeitskleid bestattet zu werden.“ Ob es auch außergewöhnliche Kleidungswünsche gibt, die sich Menschen gar vor ihrem Tod wünschen? Geller nickt und nennt ein Beispiel: „Einige Schützen werden in Uniformen samt Hut und Orden beigesetzt.“ Wie es ist, mit einem leblosen Körper zu arbeiten? „Verstorbene Menschen sind kalt“, sagt der Grevenbroicher. „Tote sehen auch tot aus.“ Häufig verliere die Haut an Spannkraft, es bilden sich an den tiefsten Punkten lilafarbene Flecken. Nach wenigen Stunden bildet sich eine Leichenstarre aus, die Gliedmaßen werden steif. „Manchmal haben Verstorbene ihre Augen geöffnet. Es kommt immer auf den Moment an, in dem sie gestorben sind. Ich schließe die Augen immer – es soll so aussehen, als würde der Mensch schlafen.“

Was manche verblüffen mag: Ralph Geller redet mit Verstorbenen. „Ich spreche mit ihnen. Ein toter Mensch ist für mich kein Objekt. Die Würde des Menschen ist das höchste Gut, das ein Bestatter zu schützen hat.“ Was er den Verstorbenen erzählt? „Ich erkläre ihnen, was ich mit ihnen mache. Schritt für Schritt.“ Manchmal kommt es vor, dass Ralph Geller Verstorbene abholt, die er selbst gekannt hat. „Dann spreche ich auch über Dinge, die wir gemeinsam erlebt haben.“ Der Bestatter lässt sich häufig dabei Zeit. „Jeder Verstorbene bekommt die Zeit, die er braucht.“

Dass Geller – selbst gut vernetzt in Grevenbroich – jemanden bestattet, den er gekannt hat, kommt gar nicht so selten vor. Vor wenigen Tagen erst hat er einen Freund verloren, der viel zu jung gestorben ist, erzählt er. Dieser Tod geht ihm persönlich nahe: Es war ein guter Jugendfreund. „Manchmal bin ich selbst emotional betroffen“, gibt Ralph Geller zu. Starker Rückhalt – „das ist das wichtigste in diesem Beruf“. Bei diesem Todesfall steht ihm deshalb seine Frau Christa eng zur Seite. Sie hat den Jugendfreund ihres Mannes nicht so gut gekannt.

Der Tod eines Freundes ist für den Bestatter ein Ausnahmefall, ein Schicksalsschlag, so, wie ihn viele der Angehörigen erleiden, die in sein Institut kommen. Wie es ist, jeden Tag mit trauernden Menschen zu arbeiten, und ob das nicht auf Dauer selbst traurig macht? „Meine Familie gibt mir die Kraft, die ich brauche, um ein Fels in der Brandung zu sein“, sagt der 54-Jährige und ergänzt: „Das ist bei mir so, wie es in vielen helfenden Berufen ist. Bei der Feuerwehr, bei Rettungssanitätern, bei der Polizei.“ Für ihn hat das etwas mit Professionalität zu tun. Traurig macht ihn seine Arbeit in der Regel nicht. „Aber auch ich habe schwache Tage.“

Trotzdem ist Ralph Geller gerne Bestatter. Auf die Frage, ob es sein Traumberuf ist, antwortet er ohne zu zögern mit einem klaren Ja. „Das habe ich aber erst gemerkt, als ich den Beruf auch ergriffen habe“, sagt der studierte Informatiker, der vor 18 Jahren in den Betrieb seiner Familie, mittlerweile in achter Generation geführt, eingestiegen ist. „Es ist eben kein Tod wie der andere“, bekräftigt er erneut und spricht von einem „abwechslungsreichen wie fordernden Beruf“. Die eigentlichen Herausforderungen liegen für Ralph Geller aber keinesfalls im Umgang mit verstorbenen Menschen.

Im Fokus steht vielmehr das Trösten. Es ist die Arbeit mit Angehörigen, mit den Hinterbliebenen. „Die Arbeit mit Trauernden ist der eigentliche Kern meiner Tätigkeiten“, sagt Geller. „Für Angehörige ist es oft schlimm, wenn ein Mensch plötzlich verstirbt.“ Was Geller ihnen sagt? „Ein Patentrezept für die Trauerbewältigung gibt es nicht. Das Leben geht nach dem Tod eines Menschen für die Angehörigen weiter, wenn auch anders. Ein tröstender Gedanke kann sein, dass das Erreichen eines hohen Alters nicht immer heißt, auch eine hohe Lebensqualität zu haben.“ Im Trauerfall gibt Ralph Geller Hinterbliebenen Halt. Er nimmt ihnen die Angst, beantwortet ihre Fragen. „Dabei muss ich die richtigen Worte finden.“

In seinem Institut bewahrt der Bestatter auch Wünsche auf. Gut verschlossen, in einem großen Tresor. „Bestattungsvorsorge“ lautet das Stichwort. Viele Grevenbroicher kommen zu ihm, um mit Ralph Geller das zu planen, was nach ihrem eigenen Ableben passieren soll. „Darunter sind auch einige jüngere Menschen“, sagt der 54-Jährige. Zu seinen Kunden zählen beispielsweise Extremsportler – und solche Menschen, die wissen, dass sie keine hohe Lebenserwartung haben. Und zu seinen Kunden zählen auch die, die sich im Alter Gedanken machen. Gedanken über das, was kommt, wenn sie nicht mehr sind. Ralph Geller sagt, dass sich Erd- und Feuerbestattungen längst nicht mehr die Waage halten. Er schätzt, dass sich mittlerweile 70 Prozent der Menschen für eine Feuerbestattung entscheiden, sich einäschern lassen.

Die Motive für eine Bestattungsvorsorge sind unterschiedlich. „Manche Planungen gehen stark ins Detail.“ Es gebe Menschen, die sich gar den Spruch für ihre Traueranzeige selbst aussuchen. Und außergewöhnliche Wünsche? „Die gibt es auch“, sagt Geller. Manche wünschten sich einen Sektempfang zu ihrer Trauerfeier. „Einmal hatte ich einen Künstler, der sich gewünscht hat, dass seine Bilder und Keramiken bei der Trauerfeier gezeigt werden, dass Musik gespielt wird, und dass es einen Festschmaus gibt.“

Eine Frage, die bei einem Bestatter vielleicht umso mehr interessiert: Hat er eigentlich selbst Angst vor dem Tod? Ralph Geller beantwortet das mit einem Nein. „Der Tod ist, wenn man so will, auch eine große Gerechtigkeit: Irgendwann stirbt jeder – egal ob arm oder reich.“ Der Grevenbroicher schlägt eine Brücke zu einer Dame, die einmal bei ihm war und ihm von ihrem Nahtoderlebnis erzählt hat. „Sie hat gesagt, dass es tatsächlich so ist, wie es sich viele vorstellen, mit einem hellen Licht und dem Tunnel.“ Ob er Angst hat vor dem Sterben? Da hält Ralph Geller inne. Dann sagt er: „Vielleicht. Man kann es sich nicht aussuchen.“

Und nach dem Tod? „Nach dem Tod bleibt von einem Menschen das übrig, was andere von ihm im Herzen tragen.“