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Grevenbroich: Awo-Prozess geplatzt

Grevenbroich : Awo-Prozess geplatzt

Der Berufungsprozess gegen den ehemaligen Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Ulrich Braeuer, ist am Dienstag geplatzt. Der 61-jährige Angeklagte soll dement sein und in einem Heim leben, somit ist er nicht verhandlungsfähig.

Er stand 27 Jahre lang in den Diensten der Arbeiterwohlfahrt, für die SPD saß er im Kreistag und im Rat der Stadt Grevenbroich. Am Dienstag sollte sich Ulrich Braeuer in zweiter Instanz wegen Untreue in großem Stil vor dem Landgericht Mönchengladbach verantworten.

Doch zum Prozess kam es nicht: Der heute 61-Jährige ist angeblich nicht verhandlungsfähig. Obwohl er die Arbeiterwohlfahrt in seiner Funktion als Geschäftsführer in erhebliche finanzielle Probleme gestürzt hatte, geht der Grevenbroicher letztlich straffrei aus.

"Amtsärzte des Rhein-Kreises Neuss haben Ulrich Braeuer untersucht", erklärte Richter Frank Rosso. "Demnach leidet der Angeklagte unter Altersdemenz und Alzheimer. Einem Prozess kann er nicht mehr folgen." Braeuer lebe bereits im Caritas-Seniorenzentrum St. Barbara an der Montanusstraße in Grevenbroich, zum Prozess waren weder er noch sein Anwalt Heribert Waider erschienen. "Damit ist das Verfahren geplatzt, die Sache muss aller Voraussicht nach zu den Akten gelegt werden", so Justizsprecher Joachim Banke.

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Die Staatsanwaltschaft behielt sich zwar vor, noch einmal einen eigenen Experten mit einer Untersuchung des Angeklagten zu beauftragen. Es erscheint jedoch fraglich, ob der zu einer anderen Diagnose kommt. "Wir müssen davon ausgehen, dass das Gutachten des Kreises richtig ist", erklärte auch Richter Frank Rosso: "Demnach wäre Ulrich Braeuer auch in Zukunft nicht verhandlungsfähig. Demenz und Alzheimer sind fortschreitende Krankheiten. Die Amtsärzte gehen davon aus, dass der Angeklagten ihnen seine Erkrankung nicht nur vorgetäuscht hat." So habe der 61-Jährige auf verschiedene Fragen "demenztypische" Antworten gegeben, und auch sonst einen Eindruck hinterlassen, der der Krankheit entsprechen würde.

Im Klartext heißt das: Ulrich Braeuer ginge letztlich aufgrund seiner jetzigen Erkrankung straffrei aus. Zwar hatte ihn das Amtsgericht Mönchengladbach 2007 zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, dieses Urteil war jedoch nie rechtskräftig geworden. Braeuer und auch die Staatsanwaltschaft hatten dagegen Berufung eingelegt. "Wenn das Verfahren jetzt aufgrund seiner Erkrankung eingestellt wird, ist das frühere Urteil hinfällig", so Gerichtssprecher Banke, "eine Bestrafung hätte sich damit erledigt."

Das Amtsgericht hatte es als erwiesen angesehen, dass Braeuer rund 428 000 Euro veruntreut und sich auch Ferienreisen auf Kosten der AWO gegönnt hatte. Obendrein hatte auch seine Mutter noch von seinen Machenschaften profitiert. So hatte er laut Gericht der Rentnerin ohne Gegenleistung ein monatliches Gehalt überweisen lassen.

Die Awo war durch seine Verfehlungen in eine erhebliche finanzielle Schieflage geraten. Der Kreis musste das Seniorenheim "Lindenhof" retten, die Stadt Grevenbroich übernahm zwei Kindergärten.

(RP)