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Aus dem Kloster Langwaden in Grevenbroich: Wünsche und leere Gräber

Spiritueller Zwischenruf von Prior Bruno Robeck : Begrabene Wünsche und leere Gräber

In Zeiten der Corona-Pandemie müssen viele Wünsche begraben werden. Es gibt aber auch Grund zur Hoffnung, meint Pater Bruno Robeck, Prior der Langwadener Zisterzienser.

Was ist deprimierender und trostloser als beim Grab eines lieben Menschen stehen zu bleiben? Gibt es für die Hinterbliebenen etwas, das ihnen noch mehr Lebenskraft und -mut raubt? Ja, es gibt etwas. Beim leeren Grab stehen zu bleiben. Beim vollen Grab weiß man, dass dort die sterblichen Überreste ruhen. Beim leeren Grab ist dem Menschen auch noch dieses Wissen genommen. Genau diese Erfahrung müssen die Frauen am Ostermorgen machen, als sie den Leichnam Jesu nicht finden.

Sie könnten beim leeren Grab stehen bleiben, doch welchen Sinn hätte dies? Am vollen Grab hat man einen Bezugspunkt zur Vergangenheit – allerdings mit der Versuchung, sich im Gedenken an die alte Zeit festzusetzen. Das leere Grab lässt solch ein Gedenken nicht zu. Es macht deutlich, dass etwas Unvorhergesehenes passiert ist. Die Frauen erleben nach dem ersten Schrecken das leere Grab als Hinweis eines Neubeginns.

Die Leere wird zur Voraussetzung einer neuen Fülle. Diese neue Fülle knüpft jedoch nicht nahtlos an das frühere Leben an. Sie ist nicht eine Fortsetzung des altbekannten und einst geschätzten Lebens. Es wird kein „Reset-Knopf“ gedrückt und der frühere Status wieder hergestellt. Die kommende Fülle hat eine andere Qualität als die Vergangenheit. Wie die Frauen am leeren Grab, so müssen auch die Jünger Jesu sich auf diesen Entwicklungsprozess einlassen. Trotz ihrer äußeren Isolation und inneren Verschlossenheit erleben sie die Kraft des Lebendigen. Aus ihnen selbst kann diese Kraft nicht kommen.

Dort herrschen nur Trauer, Angst, Unsicherheit. Eine große Leere hat sich breit gemacht. In diese Leere strömen plötzlich und unerklärlich Frieden, Aussöhnung mit der Vergangenheit, Zuversicht und Lebensmut ein. Das kann nur der Auferstandene sein. Die Leere war notwendig, um aufnahmebereit zu sein für das Neue. Und die Leere wurde gefüllt – jedoch nicht durch Rückgriff auf bisherige Lebensstrategien, sondern durch neue Erfahrungen, die ein bisher unbekanntes Leben ermöglichten.

In diesen Tagen mussten und müssen wir viele Wünsche begraben. Die Feiern im Familen- und Freundeskreis oder bei den Schützenfesten fallen aus. Urlaubs,- Freizeit- und Sportveranstaltungen sind weiterhin abgesagt. Wir können bei diesen Gräbern stehen bleiben und trauern oder uns ärgern. Und gewiss, es braucht eine Zeit der Trauerarbeit. Vielleicht spüren wir bei all diesen begrabenen Wünschen plötzlich eine Leere, die uns weiter gehen lässt: Was soll ich hier stehen bleiben, verschlossen in mich selbst? Die Lebenskraft im Innern meldet sich immer wieder. Es gibt neue und schöne Möglichkeiten zu leben – anders als wir es bisher gewohnt waren. Anders ja, aber bestimmt nicht mit weniger Freude. Gerade die Osterzeit lädt uns ein, nicht bei der Vergangenheit stehen zu bleiben, sondern auf Gott zu schauen, der uns die Zukunft schenkt. Es wäre doch schön, wenn wir diese Zukunft entdecken.
Prior Bruno Robeck OCist