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Grevenbroich: Anlieger beklagen "Anarchie am Bahnhof"

Grevenbroich : Anlieger beklagen "Anarchie am Bahnhof"

Klagen über Müll und Pöbeleien beim Bürgerdialog. Die Stadt will die Möglichkeit eines Alkoholverbots überprüfen.

Eines wurde beim von der Stadt initiierten Bürgerdialog deutlich: Die Anlieger des Bahnhofs sind mehr als unzufrieden mit der Situation in ihrem Umfeld. Nicht nur, weil sich der Müll häuft. Vor allem sind es die Drogen- und Alkoholabhängigen, die sich dort aufhalten und ihnen Angst machen. Und sie klagen über Kleinkriminelle, die Schüler in Bienefelds Gässchen abzocken. "Hier herrscht die pure Anarchie", sagte ein Anlieger. Er forderte Stadt und Bahn auf, endlich Gebrauch von ihrem Hausrecht zu machen.

Etwa 100 Grevenbroicher waren in den Bernardussaal gekommen, um gegenüber Vertretern von Verwaltung, Bahn und Polizei die Probleme am Bahnhof zu schildern. Die beschränken sich nicht auf den Vorplatz, sondern reichen auch in das Innere des Gebäudes. Der Glasanbau, der zu den Aufzügen führt, werde zum Beispiel ständig von Drogenkonsumenten belagert, beklagte Hans Hammelstein. Sein Vorschlag: Die Stadt solle diesen Menschen am Bahnhof einen anderen Aufenthaltsort bieten - in Räumen, die leer stehen, wie dem alten Bistro "Telegraaf".

Doch davor warnte Dr. Joachim Treppmann: "Das würde zusätzlich noch Dealer aus dem Raum Mönchengladbach anlocken", sagte er. Treppmann selbst bezweifelte, dass es sich bei der Klientel am Bahnhof um seine Methadon-Patienten handele. "Ein großer Teil unserer 140 Leute kommt mit dem eigenen Pkw oder lässt sich bringen - die sind nicht am Bahnhof." Zudem gebe es eine Vereinbarung mit den Patienten, dass sie den nächst greifbaren Zug nach Hause nehmen müssten. Anlieger hatten eine andere Wahrnehmung.

Den Vorschlag des Arztes, im Bahnhof und auf dem Vorplatz ein Alkoholverbot auszusprechen ("Das würde eine Riesen-Entspannung bedeuten"), will der städtische Beigeordnete Florian Herpel prüfen lassen. Allerdings hatte Ordnungsamtsleiter Udo Robling seine Zweifel, ob das mit der gültigen Rechtsprechung zu vereinbaren sei. "Die Gesetzeslage spricht eher gegen ein Alkohol- oder ein Glasverbot", sagte er.

Ein Anlieger des Bahnhofs forderte die Stadt auf, die Fahrradständer am Eingang zum Bienefelds Gässchen endlich zu beseitigen, "damit Müll, Lärm und Pöbeleien aufhören". Doch mehr als das Dach dieses Treffpunkts für Suchtkranke abzubauen, sei nicht drin, sagte Dezernent Claus Ropertz. Der zuständige Fachausschuss habe sich dafür entschieden, die Stellplätze zu erhalten. Ropertz will aber prüfen lassen, ob sie "eingekastet" werden können.

Der Ordnungs- und Servicedienst (OSD), der zum Jahresbeginn sein Domizil am Bahnhof bezogen hat, habe sich bewährt, er soll personell verdoppelt werden, kündigte Udo Robling an. Es seien drei junge Leute eingestellt worden, die bald mit ihrer Ausbildung beginnen werden - bis zum Einsatz dauere es aber noch gut drei Jahre. Was dem Betreiber des Bahnhofskiosks aufgefallen ist: Geht der OSD auf Streife, sind die Junkies weg - um dann später wiederzukommen.

Nach der Einschätzung von Bernhard Wöltgen, Leiter der Polizeiwache, ist der Bahnhof kein auffälliger Punkt im Stadtgebiet: "Die Kriminalitätsrate ist dort seit 2012 nicht gestiegen." Von Januar bis September 2016 sei die Polizei zu 103 Einsätzen ausgerückt - "von der Rauferei bis zum Kind, das seine Eltern nicht wiedergefunden hat", schilderte Wöltgen. 29 Raddiebstähle seien in diesem Zeitraum gemeldet worden, zudem habe es acht Strafanzeigen wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz gegeben. Was die Handy- oder Geldabzocke in Bienefelds Gässchen betrifft: "Das Problem ist bekannt. Polizei und OSD zeigen dort mehr Präsenz."

Bundespolizei und Mitarbeiter der DB-Sicherheit gingen ebenfalls auf Streife, doch die könnten nicht immer da sein, sagte Peter Grein von der Deutschen Bahn, der für mehr als 100 Bahnhöfe zuständig ist. Für ihn sei der Haltepunkt Grevenbroich eine Besonderheit: "Dort kommt eine Klientel an, die in anderen Städten dieser Größenordnung nicht da ist. Objektiv steigt dadurch zwar nicht die Kriminalitätsrate, subjektiv fühlen sich die Bürger aber bedroht." Eine Musterlösung habe er nicht zu bieten.

(NGZ)