Grevenbroich: Als die Kinos noch Licht-Häuser hießen

Grevenbroich : Als die Kinos noch Licht-Häuser hießen

In den 50er Jahren boomte das Kino. In der Innenstadt zogen das "Corso" und das "Resi" die Filmfreunde an, aber auch in Gustorf, Neurath, Elsen und Wevelinghoven gab es in der Wirtschaftswunderzeit gut gehende Lichtspieltheater.

Die Eröffnung des Lichtspielhauses "Corso" war ein gesellschaftliches Ereignis in Grevenbroich. Vor der großen Leinwand des Kinos an der Bahnstraße sang die kleine Conny Froboess ihren Hit "Pack die Badehose ein", im proppenvollen Saal lauschte die lokale Prominenz. Die Herren trugen Smoking, die Frauen Etuikleider — der letzte Schrei, damals 1956. Einer, der die Premiere hautnah miterlebt hat, ist Ferdi Meuthen, der Sohn des Kinobesitzers. "Ich war damals acht Jahre alt und musste Conny nach ihrem Auftritt einen großen Blumenstrauß überreichen. Das fand ich nicht so toll", erinnert sich der heute 66-Jährige schmunzelnd. Schließlich wurde er dabei von vielen hundert Augenpaaren verfolgt — da kann es einem kleinen Jungen schon mal mulmig werden.

Zur Eröffnung im Jahr 1956 kam die kleine Conny Froboess (l.). Foto: Stadtarchiv

Der Name Meuthen ist eng mit der Geschichte der Grevenbroicher Kinos verbunden. Schon 1910 eröffnete die vom Filmbazillus befallene Familie das "Residenz-Theater" an der Breite Straße. "Mein Vater Wilhelm hatte es von seiner Schwester übernommen", erzählt Meuthen. Die Bomben des Zweiten Weltkriegs trafen auch die Grevenbroicher Kinos schwer. Die "Rheinischen Lichtspiele" an der Bahnstraße wurden zerstört, das "Residenz-Theater" erlitt ebenfalls schwere Treffer. Wilhelm Meuthen und seine Frau Gertrud bauten ihren Betrieb nach dem Krieg wieder auf — 1949 luden sie zu den ersten Filmvorführungen in Grevenbroich ein.

Das Geschäft lief gut, 1956 kam das "Corso" mit großer Bühne und 624 Sitzplätzen hinzu. "Es war das größte Theater in der Stadt und konnte von der Ausstattung her mit den Kinos in Düsseldorf mithalten", erzählt Ferdi Meuthen. Das Ensemble des Rheinischen Landestheaters gastierte regelmäßig im "Corso", so dass das einmal im Monat zum kulturellen Treffpunkt wurde. "Corso" und "Resi" waren zu dieser Zeit nicht die einzigen Filmtheater in der Stadt — das Kino boomte. In Neurath betrieb Willy Grosskopf ein "Lichtspieltheater", Siegfried Bollens lud in die "Lichtspiele Gustorf" ein. Es gab die "Germania- Lichtspiele" in Elsen und das "Burgtheater" in Wevelinghoven.

Die Meuthens beherrschten indes die Film-Szene in der Innenstadt. "Nach dem frühen Tod meines Vaters musste meine Mutter ins kalte Wasser springen und unsere beiden Kinos so gut es wie es ging weiterführen", erinnert sich der 66-jährige Ferdi Meuthen. Obwohl er zur Schule gehen musste und später eine Banklehre absolvierte, half er in den beiden Lichtspieltheatern immer wieder aus, als Platzanweiser oder als Filmvorführer. "Zu den Glanzzeiten liefen damals Filme wie ,Ben Hur' oder ,West Side Story'. Die 496 Sitze im Parkett und die 128 Logenplätze waren allabendlich besetzt", erzählt er. Dem Kinoboom der Wirtschaftswunderjahre folgte das Kinosterben in den 1970ern. Das "Corso" kam gegen die Konkurrenz des Fernsehens nicht mehr an und musste geschlossen werden. Doch die zwei Säle des "Residenz-Theaters", das wegen seines langgestreckten Baus "der Schlauch" genannt wurde, blieb erhalten.

"Das ,Resi' war für viele junge Menschen ein Treffpunkt für das erste Rendezvous", erzählt Ferdi Meuthen, der noch heute über den ehemaligen Kinosälen an der Breite Straße wohnt: "Hier habe ich sogar selbst mit meiner Frau poussiert." Meuthen, der am liebsten Filme wie "Krieg der Sterne" und "ET — der Außerirdische" sieht — führte das Lichtspieltheater tapfer weiter, bis es 1986 mit der Eröffnung der Kinos im Montanushof den Todesstoß erhielt. Durch unfaire Methoden der Filmverleiher habe er das Nachsehen gehabt, beklagt Ferdi Meuthen: "Im ,Resi' laufen doch nur noch die alten Schinken, haben die Leute damals gesagt, so mussten wir 1986 schließen", erzählt er. Heute ist in einer Hälfte des ehemaligen Kinos eine Spielhalle untergebracht, der andere Saal steht leer.

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