Wut und Trauer über Missbrauch durch Kaplan in Kevelaer

Vorfall in Kevelaer : Wut und Trauer über Missbrauch

Der Fall des Kaplans, der eine Frau sexuell missbraucht haben soll, bewegt die Gläubigen. Das wurde beim Gesprächsabend deutlich, zu dem viele Besucher kamen. Es gibt auch ein zweites mögliches Opfer.

Eine Frau verließ weinend den Saal, einige Besucher waren wütend, viele enttäuscht von der katholischen Kirche. Die Veranstaltung im Petrus-Canisius-Haus zum Thema Missbrauch war ein Abend voller Emotionen, der wohl jeden der Teilnehmer bewegte.

Es sei wichtig, dass die Sprachlosigkeit aufhört, so formulierte es Wallfahrtsrektor Gregor Kauling am Anfang, der am Wochenende in den Gottesdiensten den Brief der Frau verlesen hatte, in dem sie von dem Missbrauch durch einen Kaplan in Kevelaer berichtet. Nach der schweren Aufgabe, diese Sache öffentlich zu machen, sei ihm klar gewesen, dass so ein Abend wichtig sei. Es sei viel von Transparenz die Rede, daher sei wichtig, auch über Missbrauch zu sprechen, den Kauling als „grässliches Verbrechen“ bezeichnete. Inzwischen hat sich auch eine zweite Frau gemeldet, die angibt, von dem Kaplan missbraucht worden zu sein.

Der Abend wurde so emotional, weil viele den Geistlichen aus seiner Zeit in Kevelaer persönlich kannten. Ein Kevelaerer berichtete, dass er schockiert gewesen sei, weil man nichts davon gemerkt habe. Er sei damals Messdiener gewesen. Umso schlimmer findet er, dass die Kirche erst jetzt damit an die Öffentlichkeit gegangen sei. In den anderen Gemeinden, in denen der beschuldigte Geistliche anschließend gewirkt hätte, hätte niemand gewusst, welche Vorwürfe es gegen ihn gibt.

„Kein aufrechter Katholik möchte, dass die Messe von einem Verbrecher gehalten wird“, meinte ein anderer Besucher. „Warum hat die Kirche nicht den Mumm, den Mann aus dem Verkehr zu ziehen?“, fragte ein weiterer Gast, der den Geistlichen ebenfalls kannte. Hier sei klare Kante nötig. Jede Verkäuferin verliere ihren Job, wenn sie ein Brötchen klaue, aber ein Geistlicher dürfe auch nach sexuellem Missbrauch seinen Beruf weiter ausüben. Peter Frings, Interventionsbeauftragter des Bistums Münster und Jurist, wies darauf hin, dass das Kirchenrecht vorsehe, entsprechende Fälle nach Rom zu melden, was auch geschehen sei. Um einen Priester entlassen zu können bedürfe es jedoch einer strafrechtlichen Verurteilung, kirchenrechtlich sei dies derzeit nicht möglich.

Hier sei das Problem gewesen, dass die Frau nicht wollte, dass der Staatsanwalt eingeschaltet wurde. Frings redete aber gar nicht drum herum. „Wir haben da versagt“, sagte er. Man habe dem Geistlichen zwar untersagt, in der Öffentlichkeit Gottesdienste zu feiern. Doch es sei versäumt worden, genau festzulegen, was das denn genau bedeutet. „Selbst die Mitbrüder wussten nicht, dass er eigentlich keine Messe feiern durfte, es ist eine Katastrophe gewesen.“ Als Frings recherchierte, habe er fast einen Schlag bekommen, als er gesehen hat, wie viele Messen der Geistliche noch im Altenheim gefeiert hat. „Und von einem Gottesdienst im Altenheim wird niemand sagen, dass dieser nicht öffentlich ist.“ Man habe dem Priester inzwischen klar gesagt, dass er keine Messen mehr feiern darf. Und er gehe fest davon aus, dass der Mann kein Amt mehr ausüben werde.

Man habe nicht aktiv werden können, weil es ausdrücklicher Wunsch der Frau gewesen sei, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen  und den Staatsanwalt nicht einzuschalten.

Für viele Besucher war unverständlich, warum das Bistum nicht reagierte, obwohl es doch von dem Missbrauch wusste und der Priester diesen sogar eingeräumt habe. Eine Frau formulierte es drastisch: „Das ist, als wenn jemand von einem Kampfhund gebissen wird, das Ordnungsamt davon weiß, aber niemand etwas unternimmt und der Hund weiter frei herumläuft.“ Zudem frage sie sich, warum der Priester sich nicht selbst angezeigt habe. „Warum zieht ein Mann, dem ich in der Beichte meine Sünden gesagt habe, nicht die Konsequenzen?“ Sie frage sich, ob sie in dieser Kirche noch zuhause sei.

Eine Frau stärkte ausdrücklich Pastor Kauling den Rücken. Sie sei froh gewesen, dass er den Brief im Gottesdienst vorgelesen habe. „Das war auch ein deutliches Zeichen, ich stehe als Pastor an der Seite der Frau“, sagte sie.

Gefordert wurde im Laufe der Diskussion zudem mehr Prävention, sowohl durch Schulungen kirchlicher Mitarbeiter, aber auch durch spezielle Kurse für Kinder und Eltern. Dazu sagte Bernadette Baldeau: „Wir stellen in der Pfarrei St. Marien gerade ein Institutionelles Schutzkonzept auf, in dem es genau darum geht. Darin werden Ansprechpartner stehen, an die man sich jederzeit wenden kann“, so die Präventionsfachkraft der Pfarrei.

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