Goch: Wenn Alkohol die Familie trifft

Goch: Wenn Alkohol die Familie trifft

Trunksucht kann nicht nur das Leben der Trinker zerstören, auch Angehörige leiden darunter. Deshalb bieten die Familiengruppen von Al-Anon all denjenigen einen Platz, die indirekt von Alkoholismus betroffen sind.

Sie hätte gehen können, die Sachen packen, die Kinder nehmen und ein neues Leben beginnen, ohne ihren Mann, den Alkoholiker. Sie hätte ihn zurücklassen können. Sie hätte alles zurücklassen können, den kranken Partner, die Stunden voller Angst, die Sorgen um die Zukunft. Aber sich selbst hätte sie nicht abschütteln können. Ihre Art, alles unter den Teppich zu kehren, sich einer Situation auszuliefern, die ihr nicht guttut. Sie hätte gehen können und wäre doch an ihren eigenen Grenzen gescheitert. Lisa wusste, dass sie die Notbremse ziehen muss. Sie wollte nicht, dass die Ehe scheitert und das der Alkohol die ganze Familie krankmacht.

Marens Sohn trinkt. Erst waren es nur ein paar Flaschen Bier, dann wurden es von Mal zu Mal mehr. Er vertrank sein ganzes Gehalt und baute schlimme Verkehrsunfälle. Maren versuchte, den Schein der heilen Welt zu wahren, versuchte, das Leben ihres Sohnes zu regeln, öffnete seine Post, erledigte seine Telefonate. Manchmal flehte sie ihn an, endlich mit dem Trinken aufzuhören. Sie schimpfte, schrie und heulte. Und irgendwann begann sie, sich mit ihrem Mann zu streiten. Da wusste sie, wenn sie jetzt nichts tut, geht die Familie kaputt.

Lisa und Maren sind zu Al-Anon gegangen. Die Familiengruppen sind eine Selbsthilfegemeinschaft, die sich ausschließlich an Angehörige von Alkoholikern richtet. Einmal in der Woche kommen die Betroffenen zusammen, um sich gegenseitig Trost zu spenden und Hilfe anzubieten. In den Meetings redet man sich nur mit Vornamen an, bewahrt Stillschweigen über alles, was im Raum gesprochen wird. Jeder erzählt, was ihn gerade bewegt. Ratschläge gibt es nicht.

Die Teilnehmer können durch die Erfahrungen der anderen Hoffnung schöpfen. Sie haben die Möglichkeit, sich alles von der Seele zu reden. Sie begreifen, dass sie als Angehörige schuldlos sind und das Trinken des Alkoholikers nicht stoppen können, egal wie sehr sie sich anstrengen, den Konsum zu kontrollieren.

Trunksucht ist als Krankheit offiziell anerkannt. Längst ist jedoch erwiesen, dass immer auch das soziale Umfeld von der Krankheit mitbetroffen ist: Partner, Kinder, Eltern, Freunde, Kollegen. Alkoholismus ist eine Krankheit der ganzen Familie. Alle bemühen sich, mit dem unberechenbaren Verhalten des Alkoholikers klarzukommen. Sie haben Angst vor seinen Reaktionen. Sie versuchen alles, um ihn vom Trinken abzuhalten, ihn zu kontrollieren, und irgendwann halten sie den psychischen Stress nicht mehr aus. Depressionen sind die Folge. Auch die Kinder alkoholabhängiger Eltern leiden. Sie haben meist größere Schwierigkeiten beim Lernen, neigen zu Ängsten und einem verringerten Selbstwertgefühl.

  • Kleve : Wenn Alkohol die Familie trifft

Annelieses Vater war ein Quartalstrinker. Er hat alles versoffen: das ganze Geld, das Haus, die Möbel kleingeschlagen und die Mutter verprügelt. Alkoholiker sind laut. Anneliese passte ihr Verhalten an, sie versuchte zu schlichten und freundlich zu sein. "Ich habe versucht, die Liebe von anderen zu bekommen", sagt sie. Sie suchte sich einen Partner, bei dem sich später herausstellte, dass auch er trank. Die Ehe scheiterte. Sie begann eine Therapie und sie ging zu Al-Anon. Lisa erzählt in der Gruppe, sie habe jahrelang gespürt, dass etwas zwischen ihr und ihrem Mann steht. Sie konnte es nicht einordnen, bis eine Nachbarin, die selbst ein Alkoholproblem hatte, zu ihr kam und sie ansprach. Erst da begriff sie, dass ihr Mann krank war, dass er bereits morgens vor dem Gang ins Büro trank. Plötzlich überkam sie panische Angst, den Mann zu verlieren. Angst, dass die Kinder etwas merkten. Angst vor sich selbst. Irgendwann hatte sie keine Kraft mehr und stellte ihrem Mann ein Ultimatum. "Entweder du machst einen Entzug, oder ich verlasse dich." Vier Wochen dauerte der Klinikaufenthalt, dann kam ihr Mann zurück. Er wurde rückfällig. Lisa blieb bei ihm.

Bei Al-Anon lernen die Angehörigen, ihre Sicht- und Denkweisen über den Alkoholismus zu ändern. Sie lernen, ihr eigenes vernachlässigtes Leben wieder in die Hand zu nehmen. Sie lernen, über ihr Leben, ihre Sorgen und Ängste zu sprechen und anderen zuzuhören. Mit jedem Treffen wächst ihre Selbstverantwortung. Auch Maren hat gelernt, dass sie ihre Einstellung zu ihrem alkoholkranken Sohn ändern muss. Dass sie Grenzen setzen muss. Anneliese hat Frieden mit sich geschlossen. Heute weiß sie, dass sie nicht dafür verantwortlich ist, dass ihr Vater getrunken hat.

Lisa sagt in die Runde: "Ich habe unendlich viele Jahre funktioniert, aber nicht gelebt. Hier habe ich gelernt zu leben." Die Familiengruppen unterstützen all diejenigen, deren Leben jetzt oder in der Vergangenheit durch das Trinken eines anderen belastet worden ist, egal ob derjenige noch trinkt oder aufgehört hat. Informationen und Gruppenfinder unter www.al-anon.de.

In Kleve trifft sich die Gruppe jeden Freitag um 20 Uhr in der Familienbildungsstätte, Am Regenbogen 4 in Kleve. Jeder Betroffene kann dazu kommen - ohne Anmeldung, ohne Kosten.

(RP)