Vor 25 Jahren wurde das Pater-Kleissen-Haus in Kessel eröffnet

Kessel : Kessel feiert mit der Lebenshilfe

Das Silberjubiläum im Pater-Kleissen-Haus der Lebenshilfe im Spargeldorf wurde mit vielen Besuchern gefeiert. Das Ziel war es vor 25 Jahren, Wohnraum für Menschen mit schwerst-mehrfacher Behinderung zu schaffen.

Diese Szenen werden sie wohl nie vergessen: Als am Heiligabend 1993 das gerade erbaute Pater-Kleissen-Haus im Hochwasser zu überfluten drohte, packten alle mit an. „Von den Unternehmen, die Sand heranfuhren, bis zu den Nachbarn, die uns mit Brot und warmen Getränken versorgten“, erzählt Gerd Tönnihsen, damaliger Geschäftsführer der Lebenshilfe in Kleve und Kesseler Bürger, „uneigennützig, unentgeltlich – für mich ein deutliches Zeichen, dass die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner dieses Hauses im Dorf willkommen waren.“ Erinnerungen, die heute, zum 25. Jubiläum des Pater-Kleissen-Hauses der Lebenshilfe, im Mittelpunkt stehen. Denn: „Mit diesem Wohnhaus ist die Inklusion von Menschen mit schweren Behinderungen in die Dorfgemeinschaft mehr als gelungen“, fasst Hermann Emmers als Geschäftsführer der Klever Lebenshilfe zusammen.

Dabei war das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung damals noch keine Selbstverständlichkeit. Zusammenkünfte gab es kaum – Berührungsängste waren keine Seltenheit. Zwar bot die Lebenshilfe Kleverland e.V. Wohnraum für Männer und Frauen mit geistiger Behinderung in Wohnfamilien, Außenwohngruppen und im Betreuten Wohnen an, doch sollte Anfang der 90er-Jahre auch Wohnraum für Menschen mit schwerst-mehrfacher Behinderung geschaffen werden. Der Fokus lag auf Barrierefreiheit und einer 24-Stunden-Betreuung im Sinne des hohen Unterstützungsbedarfs. „In Kessel konnte die Lebenshilfe Kleverland schließlich ein geeignetes Grundstück erwerben“, erinnert sich Hermann Emmers, „dort haben wir dann eine Wohnstätte für 23 Bewohnerinnen und Bewohner errichtet.“

Wie konnte Inklusion gelingen? Durch Begegnung. Und: „Mit Begeisterung und Überzeugung“, sagt Gerd Tönnihsen. Die Lebenshilfe setzte – in Kooperation mit der örtlichen Kirchengemeinde – auf Kontakte. Und so waren es beispielsweise die Pfarrfeste, bei denen Menschen mit Behinderung in Aktion traten, etwa bei Tanz- oder Choraufführungen. Neben Initiator Gerd Tönnihsen war es vor allem auch dem damaligen Pastor Pater Kleissen zu verdanken, dass die Akzeptanz der neuen Bewohner im Gemeindeleben so gut funktionierte. „Menschen mit Behinderung werden eine Bereicherung für unsere Gemeinde sein“, prophezeite Pastor Pater Kleissen – er behielt Recht und das Wohnhaus wurde auf seinen Namen getauft.

Günter Elstner, ein menschliches Vorbild der Lebenshilfe, der selbst mit seiner Familie und zehn Menschen mit Behinderung unter einem Dach zusammenlebte, hat in Gottesdiensten über das Leben in der Wohnfamilie und die Wohnkonzepte authentisch berichtet. Darüber hinaus wurden während der Bauphase eine Ausstellung zum Thema „Wohnen in der Lebenshilfe“ im Pfarrheim Kessel sowie Baubegehungen angeboten. Ein weiterer Wegbegleiter dieses Projektes ist der ehemalige Vorsitzende der Lebenshilfe, Landrat a.D., Hans Pickers. Er überzeugte mit seiner charismatischen Ausstrahlung die Menschen in Kessel und stand bei Bedarf Rede und Antwort. Nicht zuletzt waren es die Bewohner selbst, die Inklusion vorgelebt haben: Von der ersten Stunde an sind bis zu fünf Bewohner/- innen des Wohnhauses Lektoren in den Gottesdiensten. Und das trotz teils erheblicher sprachlicher Einschränkung. „Das ist für die Kesseler schnell zur Normalität geworden“, sagt Hermann Emmers.

Eine historische Aufnahme von der Einweihung des Pater-Kleissen-Hauses der Lebenshilfe in Kessel vor 25 Jahren. Foto: Klaus-Dieter Stade (kds)/Stade, Klaus-Dieter (kds)

„Ich bin sehr stolz auf die Bewohner, die Kollegen und die Kesseler Bürger. Es ist toll, dass hier ein so normaler Umgang gepflegt wird, dass man sich das Haus aus dem Dorf beinahe nicht mehr wegdenken kann“, sagt der heutige Leiter des Wohnhauses, Robert Heiße, „unsere Bewohner sind bis heute selbstverständlich auf unterschiedliche Art und Weise Gemeindemitglieder - als Lektoren, Ministranten oder auch im direkten Kontakt mit Pfarrer Hürter und Diakon Elbers. Bei Trauerfällen unseres Hauses waren die Seelsorger sehr aktiv und das Dorf beteiligte sich bei der Beerdigung. Das bedeutet uns sehr viel.“ Dorffeste und Seniorentreffs gehören zum Alltag der Bewohner des Pater-Kleissen-Hauses. Herausragend ist die gelebte Nachbarschaftshilfe: „Sich gegenseitig zu begleiten, ist nicht selbstverständlich und ein schönes Zeichen in unserer Zeit - und das schon seit 25 Jahren“, sagt Robert Heiße.