Theologieprofessor Michael Seewald rede Klartext in Kevelaer

Theologieprofessor in Kevelaer: „Der Papst könnte den Zölibat aufheben“

Klare Worte sprach Deutschlands jüngster Theologieprofessor Michael Seewald in Kevelaer. Zentrales Thema war die Zukunft der Kirche.

„Wie die Zukunft der Kirche aussieht, das weiß ich nicht. Ich bin eher skeptisch.“ Deutliche Wort vom Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte Michael Seewald. Im Rahmen des Formats „Kevelaerer Gespräche“ hielt Deutschlands jüngster Theologieprofessor einen Vortrag zum Thema „Kann die katholische Glaubenslehre sich verändern?“ Eine Fragestellung, die Seewald gleich zu Beginn beantwortete: „Ja, sie kann sich verändern und hat sich auch schon immer verändert.“

Andrea Spans vom Katholischen Bildungsforum Kleve hatte sich um den Dogmatik-Experten bemüht. Und der Mann zog: Der Saal im Priesterhaus füllte sich rasch. Viele Besucher aus dem ganzen Kreis Kleve warteten gespannt auf Seewalds Zukunftsprognose zu Kirche und Katholizismus.

Ein Blick ins Publikum zeigte, dass sich das Interesse am Thema überwiegend auf die Generation der über 60-Jährigen beschränkt. Wo sind die jüngeren Kirchenbegeisterten? Diese und viele weitere Fragen stellten die Besucher dem Theologieprofessor. Es wurde eine spannende und teils emotionale Fragerunde. „Früher saßen wir mit 100 Kindern beim sonntäglichen Gottesdienst. Heute sehe ich niemanden unter 50 Jahren“, erzählte ein älterer Herr mit verbitterter Mimik. Dass auch die Dogmen des Katholizismus ein Grund für das fehlende Interesse der Jüngeren an der Kirche seien, kristallisierte sich in der Diskussionsrunde heraus.

Der 31-jährige Professor der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster hielt sich weitestgehend mit gewagten Prognosen für die zukünftige Aussicht der Kirche zurück. Eine gewisse Skepsis konnten die bohrenden Fragen und Statements der Besucher dem jungen Theologen jedoch entlocken.

In der Diskussion wurde deutlich, dass die Akzeptanz von Homosexualität, das Benutzen von Verhütungsmitteln und die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau zu den anerkannten Normen und Werten der westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts gehören. Auch die Einführung des letzten Frauenwahlrechts in Europa liege nun bereits knappe 50 Jahre zurück (1971 Schweiz). Bis heute jedoch, so die Meinung der Besucher, hinke das Frauenbild in der katholischen Kirche hinterher.

Immer wieder ging es um die Frage, wie man dem aktuellen Priestermangel entgegenwirken könne. Zwei Faktoren wurden dabei auch im Priesterhaus immer wieder angesprochen: einmal die Zulassung der Frauen zum Priesteramt, außerdem die Aufhebung des Zölibats.

Der Professor stellte klar, dass das durchaus möglich sei. „Es liegt  in der Hand des Papstes, das Zölibat einfach aufzuheben, erklärte Seewald. „Er könnte es theoretisch von heute auf morgen ändern.“

Dass Maria Magdalena ein Türöffner für ein Frauenpriestertum sei, das glaubt der 31-jährige Theologieprofessor auch nicht. Das Lehramt der Kirche habe sich in dieser Frage zu sehr verbarrikadiert. Die Sexualethik der Kirche trage dazu bei, dass die Kirche als „Verbotstante“ wahrgenommen wird, informiert er.

Klare Worte fand Seewald zu Bischöfen, die offenbar durch kritische Berichte über die Kirche nicht zum Nachdenken angeregt werden: „Viele Bischöfe befinden sich teilweise im Nirwana. Die negative Berichterstattung bestätige sie nur in ihrer Ansicht, dass die Welt böse sei. Einige Bischöfe fühlen sich deshalb als „Quasi-Märtyerer“, meint Seewald.

Auch nach dem Konflikt zwischen Kirche und Wissenschaft wurde gefragt. Seewald ist nicht der Auffassung, dass die Kirche per se ein Problem mit der Wissenschaft habe. Die Grundherausforderung läge aber darin, sich selber der Fehlbarkeit des eigenen Wissens zu stellen. „Je mehr die Leute wissen und je mehr an Auskunft verlangt wird, desto schwieriger wird es für die Kirche“, so Seewald. In der Tat sei man von einer ernsthaften Diskussion, ob die Erde eine Scheibe sei, heutzutage weit entfernt. Die Wissenschaft liefert viele Antworten, die mit der Schöpfungsgeschichte nicht immer in Einklang stehen.

Mit der gegenwärtigen Glaubenslehre erreiche die Kirche immer weniger den Querschnitt der Gesellschaft, erklärt er. Die Gruppe der Erreichbaren werde immer kleiner. Dies sei eine große Herausforderung, vor der die Kirche stehe. Der Dissens zwischen einer trägen Kirche und einer sich rasch verändernden Gesellschaft sei das Problem.

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