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Stolperstein-Initiative erinnert mit Lesung an Euthanasie-Opfer

Goch : Initiative erinnert an Euthanasie-Opfer

Die Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten nicht nur Juden, sondern auch geistig Behinderte. Zum Psychiatriepatienten wurde man leicht, da genügte es schon, „aufmüpfig“ zu sein. Gocher Initiative Stolperstein lädt ein.

Immer im November, in zeitlicher Nähe zur Pogromnacht, lädt die Initiative Stolperstein zur Mahnung und zum Gedenken ein. Sie besucht die Adressen ermordeter Juden und informiert alle Menschen, denen das Schicksal der früheren Mitbürger nicht gleichgültig ist, über das, was passiert ist, sofern man das noch nachvollziehen kann. Ruth Warrener, die treibende Kraft der Gruppe, und ihre Mitstreiter Heinz van de Linde, Holger Zenker und Petra Brischke werden diesmal, am Mittwoch, 6. November, ab 17 Uhr an Hubert  Kleintjes, ein Opfer der Psychiatrie, erinnern. Erst trifft sich die Gruppe an seiner früheren Wohnadresse, Hinterm Engel 20, anschließend gibt es eine Lesung im Museum.

Hinterm Engel, wo schon vor Jahren ein Stolperstein für Hubert Kleintjes verlegt wurde (für seinen Cousin Anton an der Hubertusstraße), sprechen Oberstufenschüler der Gesamtschule Mittelkreis mit ihrer Lehrerin Julia Laqueur einige Sätze, dann geht es es thematisch in die Tiefe. Einmal mehr hat Ruth Warrener gründlich recherchiert, Akten gewälzt, Protokolle gelesen und Bedrückendes zutage gebracht. Wobei ihr in diesem Fall der Anruf einer Verwandten von Hubert Kleintjes half, denn an seine Krankenakte wäre sie aus Datenschutzgründen anders nicht heran gekommen. So aber  können die Zuhörer – vermutlich fassungslos – hören, wie  es dazu kam, dass ein vielleicht etwas schlichter junger Mann in das Räderwerk geriet, das letztlich seinen Tod forderte.

Es geht diesmal also um die Verbrechen, die im Rahmen der Euthanasie, der Vernichtung „unwerten Lebens“, stattfanden. Nach den Recherchen der Gocher Gesamtschullehrerin war Hubert Kleintjes ein Junge aus einer großen Familie, sein Vater war Zigarrenmacher, die Familie hatte wenig Geld. Hubert hatte Schwierigkeiten in der Schule, wurde Hilfsarbeiter bei den Margarine-Werken. Weil er als frech und aufmüpfig galt, gehörte er in Zeiten der Rezession zu den ersten, die ihre Arbeit bald komplett verloren. Er lebte weiter bei den Eltern – „in schwierigen Verhältnissen“, würde man heute sagen. Sein Vater ließ ihn, unterstützt von der Polizei, im März 1934 in die Psychiatrie einweisen.

„Aus den Heil- und Krankenanstalten Bedburg-Hau wäre er vermutlich bald wieder entlassen worden, wenn nicht in dieser Zeit das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erlassen worden wäre.  Und Hubert Kleintjes hatte einen Cousin, der tatsächlich schizophren war. In der Logik der Nationalsozialisten schien es also wahrscheinlich, dass es eine erbliche Belastung gab. „Die Ärzte planten eine Sterilisation, damit er sich nicht fortpflanzen konnte, doch das lehnte der junge Mann vehement ab. Seinem Widerspruch gab das ,Erbgesundheitsgericht Kleve‘ nach, der Leiter der Heilanstalt aber beantragte eine erneute Beurteilung durch ein höheres Gericht in Düsseldorf, das die Sterilisation anordnete“, fasst Ruth Warrener zusammen. Neue medizinische Erkenntnisse dürften dafür kaum vorgelegen haben, aber die Ärzte waren wohl dem System verhafteter als die Klever. „Ich finde bewundernswert, dass dieser Mann sich dennoch weiter wehrte und Einspruch erhob; letztlich aber hatte er keinen Erfolg und wurde am 9. August 1938 sterilisiert.“ Gefügiger wurde Hubert dadurch nicht, sondern auffälliger und aggressiver, weshalb er zum ersten Zug gehörte, der 1940, als die Bedburger Anstalt für Soldaten gebraucht wurde, nach Brandenburg kam. Dass dort eine Gas-Tötungsstation auf ihn, seinen Vetter Anton und 500 weitere Niederrheiner wartete, mag zunächst unbekannt gewesen sein. „Man schickte den Eltern auch Sterbeurkunden mit unterschiedlichen Todestagen, sonst wäre das vielleicht aufgefallen“, meint Ruth Warrener.

Das Personal in der Heilanstalt hat alles, was innerhalb ihrer Mauer geschah, sauber dokumentiert. Das aufsässige Verhalten der Patienten, ihren Unwillen, sich im Arbeitszug nützlich zu machen, wie man die Tobenden im Bett fixieren musste. Alles geschah nach dem Recht jener Zeit; „Deutsche verstoßen ungern gegen Gesetze“, sagt Ruth Warrener.

„Nutzungserwägungen“ seien es meist gewesen, die über Leben und Tod der Patienten entschieden. Furchtbare Wörter sind in den Unterlagen zu lesen, etwa „Ballast-Existenz“ oder „gesunder Volkskörper“ – ein Begriff übrigens, der auch heute wieder von gewissen Kreisen zu hören sei, sagt die Lehrerin.  Wer nach den Maßstäben der Rassen- oder Gesundheitslehre der Nationalsozialisten nicht lebenswert war, wurde ausgesondert. So wie eben auch Hubert Kleintjes, ein aufmüpfiger und mäßig intelligenter Bursche, wie es sie heute und zu allen Zeiten überall  in großer Anzahl gibt.

Zur Lesung wird der Musiker Christoph Krott am Piano die passenden Töne spielen.