Selbstversuch im Goch Ness: Tauchen mit Druckluftflasche

Selbstversuch im Goch Ness: Auf Tauchstation

Unser Autor Christos Pasvantis hat den Selbstversuch gewagt: Mit Jürgen Kranz, Vorsitzender des Deutschen Unterwasser-Clubs Goch ging er im Goch Ness unter.

Über die erste Regel werde ich unfreiwillig schon in der Umkleidekabine des Goch Ness aufgeklärt. „Sie müssen neu sein“, stellt ein älterer Mann fest, nachdem er die kurze Begrüßung mit meinem Tauchlehrer Jürgen Kranz beobachtet hat. Warum? „Na weil Sie sich gerade gesiezt haben. Wir Taucher duzen uns grundsätzlich.“ In dem Moment, wo ich das Tauch-Shirt vor dem Schwimmbecken überstreife, hat sich die Sache mit dem Du dann auch erledigt. „Ich bin der Jürgen“, sagt mein Lehrer – und geht nahtlos zu Regel Nummer zwei über, als er mir die Ausrüstung zeigt: „Das hier ist eine Druckluftflasche. Und wehe, du schreibst Sauerstoffflasche. Dann sind wir ganz schnell wieder beim Sie angekommen.“ Kurzes Gelächter, das Eis ist gebrochen.

Tauchen, das ist im Grunde gar nicht schwierig. „Wenn man will, kann man einem das an einem Tag beibringen“, sagt Jürgen. „Deswegen sind die kommerziellen Anbieter in den Urlaubsorten so erfolgreich. Die machen ein bisschen Theorie und schicken dich unter Wasser.“ Das sei okay, aber nicht der Ansatz, den ein Taucher aus Leidenschaft wie er mit seinem DUC Goch verfolgt. „Wir wollen unseren Neulingen in aller Ruhe vermitteln, worauf es ankommt. Deswegen hat ein Lehrgang bei uns zehn Termine.“ Danach, verspricht er, könne einem im offenen Wasser so schnell nichts mehr passieren. Ich glaube das, denn Jürgen schafft es binnen einer halben Stunde, mir sämtliche Zweifel zu nehmen. Er zeigt mir die schwere Druckluftflasche mit ihren drei Schläuchen. „Vorsicht, wenn du sie trägst“, sagt er, „die Flasche gewinnt im Zweifelsfall gegen deinen großen Zeh.“ Dann ziehen wir uns Flossen an und steigen wir ins Wasser – für den Anfang reicht das Kinderbecken. Jürgen zeigt mir, wie man seine Taucherbrille säubert. „Normalerweise spucken wir Taucher da rein. Aber jetzt habe ich Seife mitgebracht. Wir wollen ja einen guten Eindruck machen.“

Die ersten Atemübungen sehen wohl gut aus. Jedenfalls beschließt Jürgen schnell, dass wir jetzt rüber ins große Becken gehen. Das ist beim Tauchen übrigens, soweit ich das mit meinem Erfahrungsschatz von anderthalb Stunden beurteilen kann, das größte Problem: Gehen. Das ist mit langen Flossen nämlich fast unmöglich. Und Stürze mit Druckluftflasche, das habe ich gelernt, können böse enden. Wir gehen also langsam, rückwärts und mit ganz kurzen Schritten.

Das Duo signalisiert in Tauchersprache: Alles in Ordnung. Foto: Evers, Gottfried (eve)
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Ins Wasser springen wir so, wie man sich das vorstellt: Wir lassen uns rückwärts vom Beckenrand fallen. Ein paar Meter Schwimmen, dann wieder raus. Jürgen vergewissert sich, dass alles gut ist. Wir lassen uns erneut fallen, dieses Mal senkt er unter Wasser seinen Daumen nach unten. Damit meint der Taucher nicht, dass etwas nicht stimmt. Er sagt mir, dass wir nun tief runter gehen. Sobald ich mich daran gewöhnt habe, dass ich unter Wasser tatsächlich atmen kann, geht alles ganz einfach. In 4,80 Metern Tiefe drückt es gewaltig auf die Ohren. Aber das mit dem Druckausgleich kenne ich ja schon von früher, als wir im Freibad versucht haben, bis auf den Boden zu kommen.

Immer dann, wenn ich unter Wasser nachdenke, funktioniert auf einmal nichts mehr, wir müssen auftauchen. „Das ist ganz normal“, sagt Jürgen beruhigend. Und tatsächlich, mit jedem Versuch denke ich weniger, bis wir schließlich unseren „richtigen“ Tauchgang starten können. Ich schätze, dass er eine Dreiviertelstunde gedauert hat – gefühlt waren es eher zweieinhalb. Auf einmal holt Jürgen eine Frisbeescheibe vom Grund. Beim ersten Fangversuch überschlage ich mich fast und muss auftauchen. Beim dritten bin ich süchtig.

Diese Ruhe, diese Schwerelosigkeit unter Wasser ist anziehend. Das Atemgeräusch aus der Druckluftflasche als sanfte Melodie, ansonsten nur die Tiefe. „Dieses Gefühl“, antworten Jürgen, als ich ihn später Frage, warum er das Tauchen liebt. „Wenn du an der Cote d’Azur in 40 Metern Tiefe riesige Schattenbarsche siehst oder im indischen Ozean auf einmal ein Mantarochen an dir vorbeischwimmt – es gibt nichts vergleichbares.“

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