Erdbeben am Niederrhein: Riss durchs Rheinland

Erdbeben am Niederrhein : Riss durchs Rheinland

In der Nacht zu Freitag erschütterte ein Erdbeben mit der Stärke 4,4 das Rheinland. Diese Gegend zählt zu den Regionen Deutschlands, die am häufigsten von Erdstößen betroffen sind.

Wer glaubt, das einzig Stabile im Leben sei der Boden, auf dem wir stehen, der irrt. Denn tatsächlich bewegt er sich mehrere Zentimeter im Jahr — und verursacht damit Erdbeben. Die sieben Kontinentalplatten verschieben sich peu à peu, so dass Gesteinsschichten im Inneren der Erde auseinandergerissen oder zusammengepresst werden. Und obwohl es sich immer um kleinste Bewegungen handelt, spüren wir sie in Form von Erdbeben — mehr oder weniger deutlich. Erdbeben mit Magnituden über 4,0 werden in Deutschland und angrenzenden Gebieten im Schnitt ein- bis zweimal pro Jahr registriert.

1992 Erdbeben der Stärke 5,9

Im Jahr 1992 ereignete sich in der niederrheinischen Bucht nahe Roermond das stärkste seismische Ereignis der letzten 40 Jahre mit einer Magnitude von 5,9. Die Niederrheinische Bucht, in der Gegend um Aachen, Düren und Roermond, ist in Deutschland besonders häufig von solchen Beben betroffen und gehört neben dem Oberrheingraben, der Schwäbischen Alb und dem Vogtland zu den Erdbebengebieten Deutschlands. Denn dort gibt es ein verzweigtes Grabensystem, das parallel zum Rhein verläuft. "Das Rheintal ist in Schollen zerbrochen", erläutert Klaus-Günther Hinzen, Leiter der Erdbebenstation Bensberg der Universität Köln. Diese Gräben reichen tief ins Erdinnere hinein und ziehen sich in den Norden in Richtung Kleve. "Dort, wo diese Versprünge sind, kann es zu Erdbeben kommen", sagt Hinzen. Denn auf die Gräben, die man vielleicht eher als tiefe Furchen beschreiben kann, wirken Kräfte, die verursachen, dass sich diese Risse um wenige Millimeter im Erdinneren weiten. Geologen bezeichnen diese Kraft als den "Drift".

Grund für den Drift sind die Kontinentalplatten: Während die Afrikanische Platte sich von Süden aus immer mehr in Richtung Europa bewegt, wird die Eurasische Platte — und damit Europa — vom Mittelatlantischen Rücken aus in Richtung Osten gedrückt. Im Rheinland wirken diese beiden Bewegungskräfte senkrecht aufeinander (siehe Grafik, rote Pfeile). "Die Gräben werden dadurch leicht auseinandergedrückt", erklärt Thomas Plenefisch von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. "Das passiert mehrere Hundert Male im Jahr." Am Zentrum des Bebens ist meist nur ein Kilometer Bruchfläche beteiligt.

Wellen werden gemessen

Die Bewegungen im Erdinneren werden in Form von Wellenbewegungen auf die Umgebung übertragen. Die Wellen werden von Seismographen gemessen; daraus bestimmt man dann die Stärke eines Erdbebens. Der Mensch fühlt nicht, dass es sich um Wellen handelt, sondern bemerkt nur das Ruckeln des Bodens. Doch die meisten Beben spüren Menschen nicht, weil die Magnitude, also die Stärke des Bebens, sehr gering ist. Erst ab einer Magnitude von 2,0 auf der Richterskala können sie die Erschütterung wahrnehmen. "Am ehesten merken wir das, wenn das Beben am frühen Morgen geschieht und wir noch im Bett liegen", sagt Plenefisch. In der Hektik des Arbeitstages oder außerhalb geschlossener Gebäude sei es unwahrscheinlich, dass Menschen so schwache Bewegungen merken.

Das Erdbeben am Donnerstagabend ist insofern eine Besonderheit, als dass sein Epizentrum ungewöhnlich weit im Norden liegt. "Der Großteil der Beben in der Niederrheinischen Bucht hat sein Epizentrum in der Gegend um Aachen", sagt Plenefisch. "Das ist das erste stärkere Beben seit Jahren, das so nördlich liegt." In der Region rund um Kleve am Niederrhein träfen zwei Landblöcke aufeinander, von denen sich einer unter den anderen schiebe.

Doch diesmal war auch die Bewegung der Erdplatten anders: "Offenbar haben sich die Erdschichten horizontal zueinander bewegt", sagt Hinzen von der Erdbebenstation Bensberg. Das konnten die Experten aus den Daten ermitteln. Mehr als 2500 Personen haben auf der Webseite der Station einen Fragebogen ausgefüllt, um festzuhalten, dass sie eine Erschütterung gefühlt haben. Daraus erstellen die Experten sogenannte makroseismische Karten, auf denen verzeichnet ist, wohin sich die Erschütterungen gezogen haben. "Das Beben am Donnerstag war bis nach Amsterdam, Münster, Lille und Bielefeld zu spüren", so Hinzen. Das Epizentrum lag zwischen Goch und Weeze. Zwar haben die Bewohner vor Ort einen Knall gehört und die Erschütterung gefühlt, doch zu Schäden und Behinderungen des Flugverkehrs am Flughafen Weeze ist es nicht gekommen.

Erdbebenwahnsystem

Mit den Daten der Seismographen versuchen Geologen, ein Erdbebenwarnsystem zu entwickeln. Dazu benötigen sie ein dichtes Netz von Aufzeichnungsgeräten: 45 Messgeräte liefern Daten an die Bensberger Station. Doch ist diese Aufgabe nicht leicht zu bewältigen: Letztlich ist es unmöglich, vorauszusagen, wann ein Erdbeben welcher Stärke entstehen wird. "Das System ist so komplex, dass es nach heutigem Stand der Wissenschaft nicht möglich ist, Vorhersagen zu treffen", sagt Plenefisch von der BGR.

Aus Erfahrung wissen die Seismologen, dass einer solchen Erschütterung immer leichtere Nachbeben folgen. Und auch insofern ist das aktuelle Ereignis ein besonderes: Denn am Tag nach dem Beben konnten keine weiteren Erdstöße aufgezeichnet werden. Das deute darauf hin, dass noch mehrere Beben folgen werden — und zwar auch durchaus stärkere. So etwas sei in der Vergangenheit schon vorgekommen, sagt Hinzen. "Ich wäre nicht überrascht, wenn es wieder passiert."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das Epizentrum in Goch: Hier hat die Erde gebebt

(RP/jul)