1. NRW
  2. Städte
  3. Goch

Rocker-Razzia in NRW: Razzia im Morgengrauen

Rocker-Razzia in NRW : Razzia im Morgengrauen

An der Gocher Gartenstraße, in Winnekendonk und Kevelaer wurden gestern Wohnungen von Mitgliedern des Rocker-Clubs "Hells Angels" untersucht. Dabei stellte die Polizei Motorräder und Geld sicher.

Eine biederere Wohnumgebung als die Gartenstraße in Goch lässt sich kaum denken. Geschlossene Reihenhausbebauung meist älterer Art, auf einer Freifläche grasen im morgendlichen Nebel Schafe. Derzeit fahren wegen der Ostring-Baustelle eigentlich nur Anlieger in diesen Teil der Straße hinein. Außer gestern, da war die Anwohnerstraße Ziel eines großen Polizeieinsatzes. Streifenwagen, Teile einer Hundertschaft und sogar SEK-Beamte fuhren noch im Dunkeln zu einem braun verklinkerten Wohnhaus und fackelten nicht lange. Sie brachen die Tür auf, denn dort lebt offenbar ein Mitglied der "Hells Angels". Deren Teilorganisation "Clan 81 Germany", der der Gocher angehören soll, hat das NRW-Innenministerium verboten.

Foto: Anja Settnik

Landesweit waren im Zuge des Einsatzes seit sechs Uhr morgens mehr als 700 Polizeibeamte im Einsatz, neben Goch waren ihre Ziele Wohnungen in Kevelaer und Winnekendonk, außerdem in Erkrath, Wuppertal, Ratingen, Düsseldorf, Krefeld und vielen anderen Städten. Insgesamt rund 50 Wohnungen und Geschäftsräume wurden durchsucht, ihren Bewohnern und Nutzern "Verbots- und Auflösungsverfügungen" zugestellt, die quittiert werden müssen, wie Polizeisprecher Michael Ermers sagte. Ob unter der Gocher Adresse jemand angetroffen wurde, konnte Ermers am Morgen nicht sagen. Zumindest wurde ein Motorrad sichergestellt und abtransportiert. "Die Kollegen suchen nach Vereinsvermögen und Beweismitteln."

Nachbarn schüttelten den Kopf über das, was sie an diesem Morgen erfuhren. "Das ist ein völlig unauffälliger Mann, der da allein lebt", sagte einer von ihnen. "Der hat zwar ein heißes Motorrad, eine Harley Davidson, aber auch einen unauffälligen Mittelklasse-BMW. In Motorradkluft hab' ich ihn noch nie gesehen. Seit er seinen Hund verloren hat, lebt er sehr zurückgezogen. Die Jalousien sind immer runter, und wenn man ihn mal auf der Straße trifft, ist er freundlich wie andere Leute auch." Allerdings habe er gelegentlich Besuch von irgendwie gefährlich aussehenden Männern. Deshalb sei wohl auch keiner der Nachbarn besonders erpicht auf näheren Kontakt. Der Gesuchte scheint übrigens selbst Angst zu haben, denn zwei Kameras sind von der eigenen Hauswand auf die Haustür gerichtet.

Hintergrund der Polizeiaktion war, den mutmaßlichen Mitgliedern der Motorradgruppe die "Verbotsverfügung" für ihren Verein persönlich zu überreichen. "Da wir mit Widerstand rechnen mussten, ist die Aktion in diesem großen Umfang abgelaufen", erläuterte Judith Herold, Sprecherin der zuständigen Polzei Essen. Bei den Personen, die in Goch, Kevelaer und Winnekendonk aufgesucht wurden, handle es sich nach Erkenntnissen der Polizei um Leute, die Verbindung zu dem verbotenen Verein haben.

Razzia gegen Hells Angels in 16 NRW-Städten: Verbot von Rockern aus Erkrath

Als die RP vor einem Jahr nach den tödlichen Schüssen auf den Chef der Gießener "Hells Angels" mit einem Insider sprach, sagte der Kenner der Rocker-Szene, in Goch lebten sechs oder sieben Clubmitglieder, wenngleich in der Stadt kein eigener Chapter existiere. Sie würden von den Spitzen des Clubs im Düsseldorfer Raum gelegentlich zu "Einsätzen" gerufen. Diesen Aufträgen folgten sie, denn wenn sie nicht mitmachten, hätten sie durchaus um ihr Leben zu fürchten. Die Rocker vom Niederrhein sind keine harmlosen Motorradfans, sondern gefährlich, leben vom Drogen- und Waffenhandel, organisieren Prostitution. Das kann die Politik nicht tolerieren. Innenminister Herbert Reul, der in diesem Punkt eine Null-Toleranz-Strategie fährt, sagte in einer Presseerklärung: "Der Rechtsstaat nimmt nicht hin, dass Parallelgesellschaften wuchern und unbeteiligte Menschen in Angst und Schrecken leben müssen." Einzelne Chapter und Charter würden nun gezielt zerschlagen. Laut Auskunft der Pressestelle der Polizei Essen, die den Einsatz koordinierte, wurden zum Beispiel mehrere Motorräder, Bargeld, Kutten und IT-Technik konfisziert. Die Idee dahinter: Durch die Sicherstellung von Vermögenswerten soll den Vereinen die wirtschaftliche Grundlage entzogen werden.

Wie auch in Goch und Kevelaer. In der Marienstadt schlug die Polizei gleich zweimal zeitgleich zu. Einmal in der Innenstadt an der Lindenstraße, außerdem im Ort Winnekendonk an der Eichendorffstraße. Um 6 Uhr waren SEK-Beamte aktiv geworden und hatten die Tür des Hauses aufgebrochen. Ob dabei jemand festgenommen wurde, dazu machte die Polizei keine Angaben. Auf jeden Fall stellte die Polizei auch hier eine Harley Davidson sicher. Das Motorrad transportierte ein Abschleppunternehmer auf einem Hänger ab. Auch dabei ging es um die "Vermögenssicherstellung" aus dem Umfeld der Hells Angels.

(RP)